Podcast #76: FiDA und Open Insurance – Warum Versicherer jetzt handeln müssen
FiDA für Versicherer: Wie Datenstrategie, IT-Architektur und die Entscheidung zwischen Dateninhaber- und Datennutzerrolle die Vorbereitung prägen.
Die Einführung der EU-Verordnung Financial Data Access, kurz FiDA, lässt weiter auf sich warten. Die Branchendiskussion ist dennoch in vollem Gang. Auf der FiDA Fachkonferenz 2026 in Leipzig und im Podcast „Versicherung 360“ wurde deutlich: Versicherer sollten nicht auf den finalen Gesetzesbeschluss warten, um ihre Daten, Systeme und Geschäftsmodelle vorzubereiten.
FiDA gilt als eines der wichtigsten Regulierungsvorhaben für die Finanzbranche. Die geplante Verordnung soll den kontrollierten Zugang zu Finanzdaten ermöglichen und damit neue digitale Services, Produkte und Geschäftsmodelle schaffen. Für Versicherer geht es dabei um mehr als zusätzliche Schnittstellen. Im Kern steht die Frage, welche Rolle sie in einem datengetriebenen Finanzökosystem künftig einnehmen wollen.
Die aktuelle Lage ist allerdings von Unsicherheit geprägt. Der politische Wille zur Umsetzung steht nach Einschätzung der Branche weiterhin fest. Gleichzeitig sind zentrale Details offen. Auch der Zeitplan verschiebt sich. Auf der FiDA Fachkonferenz wurde betont, dass in den kommenden Monaten voraussichtlich nicht mit einer abschließenden Entscheidung aus Brüssel zu rechnen ist. Die EU-Kommission setzt derzeit andere Prioritäten.
Für die Versicherer entsteht dadurch eine ambivalente Situation: Einerseits fehlt der formale Startschuss. Andererseits warten Kunden, Technologie und Wettbewerb nicht auf die Regulierung.
FiDA zwischen Regulierung und Marktbewegung
Wie groß die Spannbreite der aktuellen Diskussion ist, zeigte die FiDA-Veranstaltung in diesem Jahr. Ein zentrales Thema war der Umgang mit sogenannten Gatekeepern und die Frage, wie weit der Datenzugang für große Technologieunternehmen geöffnet werden soll. Diskutiert wurden auch fehlende Reziprozität, Haftungsfragen, Missbrauchsrisiken und mögliche Geschäftsmodellverluste.
Für die Versicherungsbranche stellt sich deshalb nicht nur die Frage, was sie künftig technisch umsetzen muss. Entscheidend ist auch die strategische Positionierung: Werden Versicherer zu reinen Datenlieferanten für andere Unternehmen oder gestalten sie digitale Ökosysteme aktiv mit?
Julius Kretz von der Alten Leipziger Lebensversicherung unterschied in seinem Vortrag vier mögliche Rollen:
- Der Regulatory Follower erfüllt vor allem die regulatorischen Pflichten.
- Der Optimist entwickelt frühzeitig neue Geschäftsmodelle und sucht nach konkreten Daten-Mehrwerten.
- Der Data Optimizer nutzt externe Daten, um interne Prozesse zu verbessern.
- Der Active Data Leader verfolgt eine umfassende Datenstrategie und will Märkte aktiv mitgestalten.
Kretz brachte die strategische Aufgabe auf einen Satz:
„Ich muss mir heute überlegen, wo ich morgen stehen möchte.“
Open Finance braucht klare Regeln
Die Konferenz zeigte, dass Open Finance bereits heute durch Datenaggregation, Maklermandate, Screen Scraping und künstliche Intelligenz vorangetrieben wird. FiDA soll dafür einen europäischen Rechtsrahmen für den kontrollierten Zugang zu Finanzdaten schaffen. Als mögliches Konzept für die Zukunft wurde außerdem die EUDI-Wallet als europäische digitale Identität diskutiert. Zusammen mit FiDA könnte sie einen sicheren Datenaustausch und mehr Datensouveränität ermöglichen.
„Der Datenaustausch macht Ökosysteme erst möglich“, sagte Stefan Zurth von der HDI AG.
Bis dahin fehlen jedoch verbindliche Standards. Unterbrochene Prozesse, uneinheitliche Schnittstellen und unklare Zuständigkeiten bremsen die Entwicklung und erhöhen den Aufwand. In der Branche wird deshalb auch über ein unabhängiges technisches und organisatorisches Scheme diskutiert.
Dabei geht es nicht allein um technische Machbarkeit. Auch die Verantwortung für den Umgang mit Finanzdaten muss geklärt sein. Julius Kretz von der Alten Leipziger:
„Mit Daten geht Verantwortung einher und ich kann nicht jedem X-beliebigen Unternehmen die Daten zur Verfügung stellen.“
Der Podcast „Versicherung 360“: Von der Branchendiskussion zum konkreten Anwendungsfall
Die Themen der FiDA Fachkonferenz wurden auch in der Podcast-Folge „Versicherung 360“ aufgegriffen. Nadine Marquardt sprach mit Dr. Volker Lesch von Senacor und Matthias Warmuth von den Versicherungsforen Leipzig darüber, wie sich die strategischen Fragen der Branche in konkrete Kundensituationen übersetzen lassen.
Im Mittelpunkt standen mögliche Anwendungsfälle: Eine Versicherung könnte künftig direkt beim Kauf eines Elektrogeräts angeboten werden. Oder Bank- und Versicherungsdaten könnten so miteinander verknüpft werden, dass ein Kunde nach dem Kauf eines Autos automatisch auf einen passenden Versicherungsschutz hingewiesen wird.
Damit wird die zuvor diskutierte Frage nach der Kundenschnittstelle greifbar. Versicherer könnten selbst zum zentralen Zugang für die Finanzdaten ihrer Kunden werden. Als „Financial Home“ könnte eine solche Anwendung Verträge, Deckungssummen und weitere Finanzprodukte an einem Ort bündeln. Für Kunden würde das die Übersicht vereinfachen. Für Versicherer entstünde zugleich ein neuer Wettbewerb um den direkten Zugang zum Kunden.
Im Gespräch wurde außerdem deutlich, dass diese Szenarien eine belastbare technische Grundlage voraussetzen. Datenqualität, Schnittstellen und die Integration in bestehende IT-Systeme entscheiden darüber, ob aus der regulatorischen Möglichkeit ein funktionierender Service wird. Die zentrale Frage lautet daher nicht nur, was technisch möglich ist, sondern auch, welcher Use Case zur eigenen Strategie passt und welche Rolle das Unternehmen im Open-Finance-Ökosystem übernehmen will.
Zum Abschluss der Folge wurde der Gewinner der FiDA-Branchenumfrage bekannt gegeben: herzlichen Glückwunsch den Volkswohl Bund Versicherungen.
FiDA wirkt schon vor dem Gesetzesbeschluss
Die Fachkonferenz und der Podcast zeigen ein übereinstimmendes Bild: Die Branche wartet auf regulatorische Klarheit. Gleichzeitig können Versicherer bereits heute ihre Datenbestände ordnen, Schnittstellen bewerten und strategische Optionen prüfen.
Sebastian Keil von der R+V fasste diese Haltung bei der Konferenz prägnant zusammen:
„Es ist uns egal, ob FiDA kommt, wir müssen die Baustellen trotzdem angehen.“
FiDA ist damit mehr als ein kommendes Regulierungsvorhaben. Die Debatte macht sichtbar, welche technischen und strategischen Aufgaben ohnehin auf die Versicherer zukommen.