FiDA: Der Kampf um die Kundenschnittstelle

Erfahren Sie in diesem Beitrag, warum die FiDA-Regulierung den Kampf um das „Financial Home“ radikal beschleunigt und welche zwei Strategien jetzt darüber entscheiden, ob Versicherer zum austauschbaren Risikoträger degradiert werden oder am Drücker bleiben.

Typ:
Blogartikel
Rubrik:
Strategie & Innovation
Themen:
FiDA
FiDA: Der Kampf um die Kundenschnittstelle

Lesezeit: 5 bis 7 Minuten
Schlagworte: FiDA, Financial Data Access Regulation, Kundenschnittstelle, Financial Home, Versicherungsvertrieb, Aggregatoren, Neobanken, API-Strategie, Digitale Transformation.
Quellen: u.a. Whitepaper: Framework for Financial Data Access (FiDA)

 

Alle wollen eine Mauer gegen Big Tech – doch die Gefahr lauert in München, Berlin und Frankfurt

Die Debatte um FiDA, die Financial Data Access Regulation der EU, kreist seit Monaten um eine zentrale Frage: Wie verhindern wir, dass Apple, Google und Meta sich Zugang zu den Finanzdaten europäischer Versicherungskunden verschaffen? Doch während die Versicherungswirtschaft ihre Energie auf die Abwehr amerikanischer Tech-Giganten konzentriert, haben sich die deutschen Versicherungsaggregatoren in den vergangenen Jahren von einfachen Preisvergleichern zu umfassenden Vertragsmanagern entwickelt. Und positionieren sich als das, was man gemeinhin als Financial Home bezeichnet: die eine App, in der Kunden ihre gesamte finanzielle Welt verwalten.

Check24 ist mit über einer Milliarde Euro Jahresumsatz und einer eigenen Bank längst zum mächtigen Vertriebsakteur der deutschen Versicherungsbranche aufgestiegen. Clark hat sich vom digitalen Makler zum profitablen Vertragsmanager entwickelt. Bei Finanzguru lassen bereits über 1,5 Millionen Nutzerinnen und Nutzer ihre gesamten Finanzen in einer einzigen App verwalten. Und Trade Republic entwickelt sich mit fünf Millionen deutschen Nutzerinnen und Nutzern sowie einer Vollbanklizenz zunehmend zum Financial Home einer ganzen Generation.

Wenn Kundinnen und Kunden künftig per FiDA-Dashboard ihre Versicherungsdaten für diese Plattformen freigeben und automatisiert Optimierungsvorschläge erhalten, besteht das Risiko, dass der klassische Versicherer den Kontakt verliert. Ohne eine Anpassung an diese Entwicklungen wird er zum austauschbaren Risikoträger im Hintergrund degradiert.

Auch ganz ohne FiDA ist diese Marktdynamik bereits in vollem Gange. Laut einer Trendstudie des Marktforschungsinstituts Nordlight Research und der Strategieberatung Valytics haben sich bereits vor zwei Jahren 37 Prozent aller Versicherungsentscheider zuvor auf einem Vergleichsportal informiert. Sirius Campus hat schon 2022 in seinem Kundenmonitor Assekuranz ermittelt, dass 55 Prozent der Kundinnen und Kunden Vergleichsportal-Ergebnisse als Verhandlungsbasis gegenüber ihrem Versicherer nutzen.

FiDA: Das strategische Dilemma der Versicherer

FiDA verschärft diese Entwicklung durch eine strukturelle Asymmetrie: Versicherer müssen als Dateninhaber ihre Kundendaten über standardisierte APIs bereitstellen. Aggregatoren und Neobanken als Datennutzer (FISPs) können diese Daten ziehen, kombinieren und für eigene Geschäftsmodelle nutzen. Die Gegenrichtung ist nicht vorgesehen – ein FISP muss seine eigenen Kundendaten nicht mit dem Versicherer teilen. Diese Einbahnstraße bevorzugt systematisch die Plattform gegenüber dem Produktanbieter.

Versicherer stehen gleichzeitig vor einer kumulativen regulatorischen Investitionswelle: DORA (seit Januar 2025), EU Data Act (seit September 2025), KI-Verordnung (gestaffelte Einführung), PSD3/PSR (parallel im Trilog, Anwendung 2027/2028), IRRD (neue Abwicklungsanforderungen) – und nun FiDA mit FDSS-Aufbau und API-Entwicklung. Die IT-Budgets sind endlich, die Fachkräfte knapp. Jeder Euro, der in Compliance fließt, fehlt bei der Entwicklung eigener digitaler Kundenschnittstellen.

Auch wenn noch nicht alle Details final verhandelt sind, ist es folglich essenziell, dass sich Versicherer bereits heute Gedanken über ihre strategische Positionierung machen. Denn die FiDA-Regulierung wird die Wertschöpfungskette der Versicherungsbranche grundlegend verändern – ganz gleich, wie sie am Ende ausgestaltet ist. Die zentrale Frage lautet: Wo will man in dieser neuen Wertschöpfungskette stehen?

Selbst die Kundenschnittstelle besetzen – das Financial Home

Wer heute bereits über ein breites Vertriebsnetz verfügt, für den bietet sich die Positionierung als Financial Home förmlich an. Das bedeutet, eine digitale Plattform aufzubauen, welche über die reine Versicherungspolice hinausgeht sowie der Kundin und dem Kunden einen echten Mehrwert in der täglichen Finanzsteuerung bietet. Vertragsmanagement, Schadenmeldung, proaktive Deckungshinweise, Integration mit dem Bank- und Vorsorgekonto: Wer diesen Weg wählt, muss bereit sein, selbst in den Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Kundin und des Kunden einzutreten.

Das eigene Permission Dashboard nach FiDA-Standard könnte dabei zum strategischen Instrument werden: Ein hochwertiges Dashboard anzubieten, welches der Kundin und dem Kunden echte Kontrolle und Transparenz ermöglicht, schafft einen Anreiz, die Daten nicht mit Drittanbietern zu teilen. Die Botschaft lautet: „Sie brauchen keinen Aggregator – bei uns haben Sie bereits alles im Blick.“

Voraussetzungen für diesen Weg sind Investitionen in eine erstklassige digitale Kundenschnittstelle, API-fähige Architektur, Echtzeit-Datenzugang für Kunden, aktives Ökosystem-Management mit Partneranbietern sowie die kulturelle Bereitschaft, sich als Technologieunternehmen mit Versicherungslizenz zu verstehen und exzellenten Service zu bieten.

Exzellenter Nischenanbieter – der Produktspezialist

Nicht jeder Versicherer kann oder will ein Financial Home werden. Für viele Anbietende – insbesondere Spezialversicherer, Nischenanbieter und kleinere Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit – liegt die Zukunft eher in der Rolle des hervorragenden Produktlieferanten.

In dieser Strategie akzeptiert der Versicherer, dass die Kundenschnittstelle zunehmend von Plattformen besetzt wird und konzentriert sich auf Produktinnovation, Pricing-Exzellenz und nahtlose technische Integration. Entscheidend wird die Fähigkeit, aus den verfügbaren Daten einen Mehrwert zu generieren, etwa durch präzisere Risikomodelle, individuellere Tarife, schnellere Schadenregulierung oder kontextbezogene Zusatzprodukte.

Voraussetzungen für diesen Weg sind Investitionen in Datenanalyse und KI-gestützte Underwriting-Modelle, API-first-Architektur für nahtlose Plattform-Integration, Partnerprogramme mit Aggregatoren und Neobanken sowie eine klare Positionierung im Wettbewerb, die über den Preis hinausgeht – etwa durch Spezialwissen in bestimmten Risikosegmenten oder überlegene Schadensregulierung.

Die Kundenschnittstelle wird jetzt verteilt

Die Versicherungsbranche hat recht, wenn sie sich Sorgen um die Kundenschnittstelle macht. Aber sie schaut in die falsche Richtung. Die Gatekeeper-Brandmauer gegen Apple und Google wird voraussichtlich halten. Doch sie löst nicht das eigentliche Problem: Die Kundenschnittstelle wandert nicht nach Cupertino, sie wandert (jetzt schon) nach München, Berlin und Frankfurt. Sie wandert in die Apps von Check24, Clark und Finanzguru, in die Neobanken von Trade Republic, N26 und Revolut.

FiDA wird diese Verschiebung nicht verursachen, aber es wird sie beschleunigen und institutionalisieren. Der standardisierte, echtzeitfähige Zugang zu Versicherungsdaten gibt den Aggregatoren und Neobanken ein Werkzeug in die Hand, das ihre bestehenden Geschäftsmodelle auf ein völlig neues Niveau heben wird.

Wer selbst die Kundenschnittstelle besetzen will, muss sich als Financial Home positionieren – mit einer digitalen Plattform, die über die reine Police hinausgeht und mit exzellentem Kundenservice. Wer seine Rolle eher als Anbieter von Nischenprodukten sieht, muss umso konsequenter in Datennutzung und API-Exzellenz investieren, um in der digitalisierten Welt bestehen zu können.

Eines ist sicher: Die Verteilung der Kundenschnittstelle in der FiDA-Welt wird nicht 2028 oder 2030, sondern jetzt entschieden. Durch Investitionsentscheidungen, Partnerschaften, Architekturwahl und strategische Positionierung. Die Zeit des Abwartens ist vorbei.

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