Nachhaltigkeit in der Lieferkette: Vom Pflichtprogramm zum strategischen Kompass bei der ALH Gruppe
Wie wird die Lieferkette zum strategischen Vorteil? Karina Vasiliadis & Stephan Lenz (ALH Gruppe) im Interview über das LkSG.
Für viele Unternehmen ist das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) ein reines Compliance-Thema. Für die ALH Gruppe hingegen ist es ein strategischer Kompass für den Markt von morgen. Im Vorfeld der Sustainable Insurance Convention 2026 erklären Karina Vasiliadis, Gruppenleiterin Lieferantenmanagement, und Stephan Lenz, Referent Menschenrechte/ Strategisches Nachhaltigkeitsmanagement, wie sie Nachhaltigkeitsratings nicht als Kontrolle, sondern als Wettbewerbsvorteil nutzen. Ein Gespräch über Partnerschaft in der Transformation und die Erkenntnis, dass Wirtschaftlichkeit und Ethik keine Gegenspieler mehr sind.
Versicherer gelten als „Anker der Stabilität“. Warum ist es gerade für unsere Branche so entscheidend, die Verantwortung nicht am eigenen Werkstor enden zu lassen, sondern die gesamte Wertschöpfungskette aktiv mitzugestalten?
Stephan Lenz: Als Versicherer übernehmen wir Verantwortung in der Gesellschaft, indem wir einerseits z. B. Existenz- und Gesundheitsrisiken absichern und andererseits unser Handeln nach dem Kodex integrer Handlungsweisen ausrichten. Dazu gehört z. B. ein fairer, ehrlicher und verlässlicher Umgang miteinander, mit Kunden und Geschäftspartnern, Unterlassung jeglicher Form von Diskriminierung sowie die Einhaltung (grund-)rechtlicher Rahmenbedingungen unserer Demokratie. Diese Verantwortung geht über das Werkstor hinaus. Auf der einen Seite fordern wir von unseren Lieferanten die Einhaltung der Bestimmungen des LkSG, andererseits sind wir auch ein Teil anderer Lieferketten. Da ist der gleiche Maßstab nur fair.
Welchen Einfluss hat die intensive Auseinandersetzung mit der Lieferkette auf die interne Wahrnehmung von Verantwortung? Hat dieser Prozess die Art und Weise verändert, wie innerhalb der ALH Gruppe über Nachhaltigkeit gedacht wird?
Karina Vasiliadis: Die intensive Auseinandersetzung mit unserer Lieferkette hat die interne Wahrnehmung von Verantwortung deutlich geschärft: Beschaffungsprozesse werden heute – noch stärker als zuvor – nicht nur als Formalität gesehen, sondern als Hebel für Compliance und Kostensteuerung.
Gleichzeitig hat sich unser Verständnis von Nachhaltigkeit deutlich erweitert. Im Lieferantenrisikomanagement haben wir von unseren Dienstleistern Nachhaltigkeitsratings eingefordert. Dabei wurde deutlich, dass ein solches Rating auch für unser eigenes Unternehmen einen erheblichen Mehrwert bietet, da es unsere regulatorische Konformität sichtbar und steuerbar macht. Zur Wahrung von Menschenrechten – in der Lieferkette wie im eigenen Betrieb – wurde zudem ein Menschenrechtsboard als zentrales Gremium etabliert.
Nachhaltigkeit ist damit konsequent weiter in unseren internen Prozessen verankert worden.
Wie begleiten Sie Ihre Lieferanten auf dem Weg der Transformation? Mit welchen Ansätzen stellen Sie sicher, dass Nachhaltigkeitsbewertungen als Chance und nicht als reine Kontrollmaßnahme wahrgenommen werden?
Karina Vasiliadis: Wir berücksichtigen die Bereitschaft zur nachhaltigen Transformation bereits bei der Auswahl unserer Lieferanten. In der Zusammenarbeit setzen wir auf Partnerschaft: Auf Basis unserer eigenen Erfahrungen zeigen wir den konkreten Mehrwert von Nachhaltigkeitsprozessen – für Governance und Marktchancen.
Dabei gilt für uns das Prinzip der Gegenseitigkeit. Wir verlangen nichts, was wir nicht selbst umsetzen, und unterstützen unsere Lieferanten aktiv über reine Anforderungen hinaus.
So werden Nachhaltigkeitsbewertungen als Chance für Weiterentwicklung und Wettbewerbsvorteile verstanden – nicht als Kontrollmaßnahme.
Wenn Sie einen Zukunfts-Joker hätten: Welches „Das geht nicht“ beim Thema Nachhaltigkeit würden Sie streichen?
Stephan Lenz: Da würden mir durchaus mehrere Joker einfallen. Bezogen auf das Thema Lieferkette würde ich streichen: „Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit geht nicht.“ Nachhaltigkeit und faire Bedingungen für alle, wie zum Beispiel Zugang zu sauberem Trinkwasser, Bildung, Chancengleichheit oder Ressourcenschonung und damit einhergehende CO₂-Einsparungen, führen meiner Meinung nach auf lange Sicht zu deutlich weniger Klimaanpassungskosten, weniger Konflikten und damit einer lebenswerten Welt für alle Menschen. Nur wenn wir das Klima in den Griff bekommen, werden wir auch Ressourcen zum Wirtschaften haben. Oder anders: Wollen wir wirklich mit dem Verbrenner nur durch Wüsten fahren?
Vielen Dank für das Interview!