Schadeninflation 2026: Experten von Zurich, die Bayerische und TH Köln analysieren Treiber und Strategien
KI, Prävention und neue Geschäftsmodelle: Eine Expertenrunde mit die Bayerische, Zurich und TH Köln zeigt Wege auf, wie die Branche die steigende Schadeninflation in den Griff bekommen kann.
Die Kfz-Versicherung befindet sich in einer schwierigen Position. Denn trotz hoher Beitragsanpassungen in den letzten Jahren arbeitet die Sparte weiterhin defizitär: 2024 lag die Schaden-Kosten-Quote bei 104 Prozent. In der Wohngebäudeversicherung sieht sie mit 100 Prozent verglichen mit den Vorjahren zwar besser aus, ist auf lange Sicht aber trotzdem nicht tragbar. Die Ursache für dieses Ungleichgewicht hat einen Namen: Schadeninflation. Grund dafür ist, dass die Anzahl der Schadenfälle zwar stabil bleibt, die Kosten pro Fall aber seit Jahren ansteigen – in der Kfz-Haftpflicht um 60 Prozent seit 2017.
Über die Treiber dieser Entwicklung und mögliche Gegenstrategien sprach Franz Gündel, Leiter Schaden- & Betrugsmanagement bei den Versicherungsforen Leipzig beim Pressetalk Schadeninflation mit Horst Nussbaumer, Mitglied des Vorstands der Zurich Gruppe Deutschland, Martin Gräfer, Mitglied des Vorstands bei der Bayerischen, und Prof. Dr. Michaele Völler vom Institut für Versicherungswesen an der TH Köln.
Teure Ersatzteile und Klimawandel: Die Hauptursachen der Schadeninflation
Michaele Völler stellte zentrale Schlüsselfaktoren als Treiber der Schadeninflation heraus: Zum einen die Teuerung bei den Ersatzteilen. Diese hänge im Kfz-Bereich stark mit dem Monopol der Erstausrüster (OEMs) zusammen. Nach Zahlen des GDV sind die Ersatzteilpreise in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 80 Prozent angestiegen. Außerdem müssen aufgrund der Modulbauweise bei Fahrzeugen häufiger ganze Baugruppen ersetzt werden, statt einfach Einzelteile auszutauschen. Zum anderen fallen die steigenden Stundenlöhne ins Gewicht. Teilweise gebe es „Stundensätze von über 400 Euro am Markt“, so Völler.
Auch der Klimawandel treibt die Schadeninflation voran. Denn als Folge nehmen Extremwetterereignisse zu. Diese seien zwar lokal begrenzt, aber sehr intensiv, erklärte Horst Nussbaumer von der Zurich Gruppe Deutschland. „Das heißt, es treibt auch den Aufwand pro Fall deutlich in die Höhe.“ Bei einer Totalzerstörung müsse man sich darüber hinaus nach den aktuellen Bauvorschriften richten. Diese machen Neubauten teurer als früher.
Prävention statt Entschädigung: Innovative Ansätze der Versicherer
Versicherer müssen sich laut Nussbaumer also fragen, wie sie die eigene Solvenz auf Dauer sicherstellen können und Schäden auch in Zukunft versicherbar bleiben. Ein wichtiger Faktor sind präventive Maßnahmen. Versicherer müssen über die reine Entschädigung hinausgehen und Kunden bereits bei der Schadenvermeidung unterstützen. Martin Gräfer berichtete aus der Praxis vom All-Risk-Deckungskonzept „Prime Home“ der Bayerischen. Hierzu gehöre beispielsweise, dass Berater das Dach der Kunden mit einer Drohne abfliegen, um Schäden frühzeitig zu entdecken. Das schaffe überdies positive Kontaktpunkte mit den Kunden – und zwar außerhalb des Schadenfalls.
Ohne die Anpassung der eigenen Geschäftsmodelle geht es also nicht, da herrschte Einigkeit unter den beiden Versicherern. Denn man könne nicht alle Probleme über eine reine Prämienerhöhung lösen, so Gräfer. „Dann haben wir unseren Job nicht gemacht.“ Versicherungsprodukte sollten so gestaltet sein, dass sie einen echten Mehrwert bieten, statt austauschbar zu sein. „Wir müssen in Kommunikation investieren, digitalisieren und für den Kunden auch spürbar sein. Nicht nur einmal im Jahr bei der Prämienrechnung.“
KI in der Schadenbearbeitung: Vom autonomen Prozess zum „digitalen Kollegen“
Die fortschreitende Digitalisierung und insbesondere künstliche Intelligenz werden eine entscheidende Rolle in der zukünftigen Schadenbearbeitung spielen, erklärte Gräfer weiter. „Wenn wir nicht anfangen, sowohl im Underwriting, in der Produktgestaltung als auch im Schadenprozess uns enorm zu digitalisieren, dann haben wir als Mittelständler keine Chance gegen Häuser wie die Zurich.“ Ziel sei es, autonome Prozesse für Standardschäden zu schaffen, die durch KI initialisiert und vom Menschen orchestriert werden. Idealerweise so, dass der Kostenvorteil im Wesentlichen auf Kundenseite spürbar wird.
Horst Nussbaumer sprach von einem Wechsel im Mindset der Mitarbeitenden: „Ich nutze nicht die KI, sondern die KI ist quasi wie mein Mitarbeiter. Ich muss auf Augenhöhe mit diesen Agenten arbeiten können.“ Davon sei man zwar noch etwas entfernt: „Wir beginnen aber jetzt und das wird ein massiver Change.“ Michaele Völler ergänzte, dass beim Einsatz von KI sowohl „Undertrust“, also Angst, als auch „Overtrust“, also blindes Vertrauen, zu verhindern seien. Mitarbeitende müssen die Grenzen der Systeme kennen und ihre eigene Expertise weiterhin einsetzen, um Vorschläge zu bewerten.
Fazit: Warum Versicherer ihre Geschäftsmodelle jetzt transformieren müssen
Historische Daten werden zur Kalkulation zukünftiger Risiken nicht mehr ausreichen, da war sich die Expertenrunde einig. Fest steht aber: Die Schadeninflation werde langfristig immer höher sein als die normale Verbraucherpreisinflation, resümierte Nussbaumer. „Das bedeutet: Wir als Versicherer müssen unsere Geschäftsmodelle neu denken, um hier weiterhin ein verlässlicher Partner für unsere Kunden zu sein und letzten Endes auch unsere finanzielle Stabilität für die Zukunft sicherzustellen.“