Altersvorsorgedepot 2027: Produktstrategie für Versicherer

Ab 2027 ersetzt das Altersvorsorgedepot die Riester-Rente. Was Versicherer für ihre Produktstrategie jetzt wissen müssen.

Typ:
Blogartikel
Rubrik:
Produktmanagement
Themen:
Riester Aktuariat / Produktentwicklung
Altersvorsorgedepot 2027: Produktstrategie für Versicherer

Am 27. März 2026 hat der Bundestag das Altersvorsorgereformgesetz beschlossen (Drucksache 21/4088 in der Fassung des Finanzausschusses). Geplanter Start ist der 1. Januar 2027.

Im Kern sieht das Gesetz vor, dass ein gefördertes Altersvorsorgedepot die bisherige Riester-Logik ersetzt. Sparer können künftig in Aktien, Fonds und ETFs investieren. Vorgesehen sind eine staatliche Förderung, ein Kostendeckel für Standardprodukte, Wahlmöglichkeiten in der Auszahlungsphase und unterschiedliche Garantiestufen.

Für die strategische Diskussion im Versicherungsumfeld ist es wichtig, zwischen gesetzlicher Grundarchitektur und vertrieblicher Produktlogik zu unterscheiden. Das Gesetz definiert den Rahmen. Die marktfähige Ausgestaltung im Versicherungsvertrieb wird aber über Portfolio, Beratung und Zielgruppenzugang entschieden.

Förderung im Altersvorsorgedepot: Zulagen, Grenzen und Kosten im Überblick

KomponenteRegelung
Grundzulage Stufe 150 % auf Eigenbeiträge bis 360 EUR pro Jahr
Grundzulage Stufe 225 % auf Beiträge von 360,01 bis 1.800 EUR pro Jahr
Maximale Grundzulage540 EUR pro Jahr
Kinderzulage100 % auf Eigenbeiträge bis 300 EUR pro Jahr und Kind
Maximaler Sonderausgabenabzug2.340 EUR pro Jahr
Mindesteigenbeitrag120 EUR pro Jahr
AbschlusskostenStreckung über die gesamte Ansparphase
BestandsschutzBestehende Riester-Verträge bleiben erhalten; ein Wechsel ist möglich

AVD, GAR oder STD: Welches Produkt für welche Zielgruppe?

BegriffArbeitsdefinitionStrategische Rolle
AVD AltersvorsorgedepotKapitalmarktnahes Altersvorsorgedepot als privatwirtschaftlich vertriebener Kernbaustein der pAVVoraussichtliches Fokusprodukt im Versicherungsvertrieb
GAR GarantieproduktStärker abgesicherte Produktvariante für Kunden mit höherem SicherheitsbedürfnisErgänzt das AVD für sicherheitsorientierte Zielgruppen und Übergangsfälle
STD StandarddepotStaatliches Standarddepot als Referenz für Kosten, Einfachheit und ZugänglichkeitWettbewerbsbenchmark; nicht zwingend das vertriebliche Fokusprodukt von Versicherern

Für das Produktportfolio werden mit STD, GAR und AVD drei Spielarten der Ausgestaltung erwartet. Das AVD sollte im Versicherungsvertrieb dabei als chancenorientierter Kernbaustein für kapitalmarktoffene Kunden positioniert werden. Es verbindet Förderfähigkeit mit einem langfristigen Vermögensaufbau und kann im Beratungsgespräch als zentrale Antwort auf die Schwächen der bisherigen Riester-Logik dienen.

Das GAR adressiert dagegen sicherheitsorientierte Kundengruppen, spätere Einstiegszeitpunkte oder Situationen, in denen die Schwankungstoleranz begrenzt ist. Es ist damit kein Randthema, sondern ein notwendiger Portfoliobaustein, um den Marktzugang nicht ausschließlich auf renditeorientierte Zielgruppen zu verengen.

Das STD dient primär als Benchmark. Es setzt den Vergleichsmaßstab für Kosten und Einfachheit. Im Versicherungsvertrieb wird es voraussichtlich eher die Referenz sein, an der das eigene Angebot gemessen wird, nicht aber das dominante Fokusprodukt.

Der eigentliche Mehrwert im Vertrieb liegt damit in der Übersetzungsleistung: Welcher Kunde gehört in welches Produkt? Wer braucht primär ein kapitalmarktnahes AVD, wer eine abgesicherte Variante und wer eher eine einfache Standardlösung? Diese Zuordnung muss schlank, verständlich und wirtschaftlich tragfähig ausgestaltet werden.

Wettbewerb ums Altersvorsorgedepot: Wer die stärksten Karten hat

Als Anbieter zeichnen sich im Markt vier Gruppen ab: digitale Plattformanbieter, Fondshäuser beziehungsweise Asset-Manager, ein möglicher öffentlicher Träger des STD und die Versicherungswirtschaft. Alle vier Gruppen bringen unterschiedliche Stärken in die neue Marktphase ein.

  • Digitale Plattformanbieter punkten vor allem bei schlanken Prozessen, niedrigen Stückkosten und einer hohen Selbstverständlichkeit im digitalen Onboarding.
  • Fondshäuser und Asset-Manager verfügen über Kapitalmarktkompetenz und Produktbausteine, müssen ihre Rolle aber in der geförderten Vorsorgearchitektur erst sauber definieren.
  • Der öffentliche Träger des STD könnte den Preis- und Einfachheitsmaßstab für den Gesamtmarkt setzen, bleibt in Governance, Timing und konkreter Ausgestaltung aber noch unklar.
  • Versicherer verfügen über Beratung, Garantien, biometrische Ergänzungen und Kompetenz in der Auszahlungsphase und müssen diese Stärken nun in ein marktfähiges Portfolio übersetzen.

Die jeweiligen Stärken zeigen: Versicherer werden den Markt nicht über reine Kostenführerschaft gewinnen. Ihre Differenzierung liegt dort, wo Vorsorge nicht nur als Depotführung verstanden wird, sondern als Kombination aus Vermögensaufbau, Risikomanagement und Begleitung in die Entnahmephase.

Gerade letzteres ist ein zentrales Differenzierungsfeld für die Versicherungsbranche. Wenn Kunden zwischen Auszahlungsplan und lebenslanger Rente wählen können, entsteht ein erheblicher Bedarf an Orientierung. Die Versicherungswirtschaft kann hier nicht nur helfen, Kapital anzusparen, sondern auch das Langlebigkeitsrisiko strukturiert adressieren.

Vor diesem Hintergrund spricht viel dafür, schon heute über Auszahlungsbausteine wie eine aufgeschobene Leibrente ab höherem Alter nachzudenken. Solche Bausteine machen das Portfolio vollständiger und verschieben die Diskussion weg vom reinen Kostenvergleich hin zur Frage der Vorsorgequalität.

Produktportfolio 2027: So positionieren sich Versicherer strategisch

Für 2027 sollte nicht nur „ein Depot" gedacht werden. Strategisch sinnvoller ist ein abgestuftes Portfolio: AVD als Kernangebot, GAR für sicherheitsorientierte Zielgruppen und ergänzende Lösungen für die Auszahlungsphase. Das STD ist in dieser Logik der externe Referenzpunkt, nicht das interne Leitprodukt.

Eine solche Portfolioperspektive verbessert zugleich die Vertriebslogik. Sie erlaubt eine saubere Kundensegmentierung, vermeidet eine Überfokussierung auf den Kostendeckel und macht klar, wo Versicherer echten Mehrwert gegenüber rein transaktionalen Angeboten stiften können.

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