Vom Payer zum Player? Wie wird die PKV ein aktives Element im Gesundheitsmarkt der Zukunft und welche Rolle sollte sie anstreben?

Mit der Frage, welche Rolle die PKV in Zukunft spielen wird, haben wir uns in der dritten Marktuntersuchung mit dem Titel „Die Rolle der privaten Krankenversicherung im Gesundheitssystem der Zukunft“ auseinandergesetzt. In spannenden Experteninterviews mit Stakeholdern des deutschen Gesundheitsmarktes haben wir den Status quo aber auch die Zukunft des Gesundheitsmarktes in fünf bis zehn Jahren diskutiert. Im Rahmen der Studie wurden Endkunden (quantitativ) und einige Vorstände der PKV-Unternehmen sowie Branchenteilnehmer in Experteninterviews befragt.

Typ:
Blogartikel
Rubrik:
Strategie & Innovation
Themen:
Gesundheit Case Study Krankenversicherung
Vom Payer zum Player? Wie wird die PKV ein aktives Element im Gesundheitsmarkt der Zukunft und welche Rolle sollte sie anstreben?

Unser Gesundheitssystem im Wandel

Disruptive Veränderungen wird unser Gesundheitsmarkt in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht durchlaufen. Der Kunde rückt jedoch näher an Versorger und Kostenträger und agiert mit ihnen auf Augenhöhe. Dazu verschaffen sich ausländische Player zunächst in der Rolle als Investoren Eintritt in den deutschen Gesundheitsmarkt, um trotz der hohen regulatorischen Hürden Fuß zu fassen. Kurzfristig stellen sie keine ernstzunehmenden Wettbewerber dar, sollten aber beobachtet werden. Weitere Aufmerksamkeit sollte den Technologieanbietern gewidmet werden: Diese ermöglichen  Gesundheitsservices und digitale Gesundheitsanwendungen, zudem knüpfen sie an zahlreichen Schnittstellen zwischen den Akteuren an und treiben die Digitalisierung des Gesundheitssystems voran. Rechtliche Rahmenbedingungen geben die Leitplanken des Gesundheitssystems vor und ebnen, z. B. durch die gematik[1] oder das E-Health-Gesetz, die Vernetzung der Akteure im Gesundheitssystem.

Was erwarten die Kunden vom Gesundheitssystem?

Insgesamt wurden im März 2020 und – bedingt durch die Corona-Pandemie –  auch im November 2020 über 700 Endkunden bezüglich ihrer Anforderungen an das zukünftige Gesundheitssystem befragt. Es zeigte sich, dass großes Vertrauen in das Gesundheitssystem herrscht und dass eine positive Zufriedenheit im Allgemeinen zu verzeichnen ist. Die positiven Ergebnisse stiegen in der zweiten Befragung im November sogar signifikant an. Der Wunsch, einen Gesundheitspartner an seiner Seite zu haben, der weitaus mehr als nur die reine Leistungsübernahme bzw. -erstattung bietet, ist dabei sehr groß. Proaktive Kommunikation sowie Unterstützung beispielsweise bei Vorsorgeuntersuchungen, präventiven Maßnahmen oder Impfungen sind für rund die Hälfte der Befragten erstrebenswert. Daneben stehen Bonus- und Belohnungsprogramme für gesunde Lebensweise auf der Wunschliste ganz oben. Ebenso liegt der Wunsch der Befragten, Gesundheitsdaten zentral zu speichern und mit Ärzten und Krankenhäusern zu teilen bei über 70 Prozent. Damit wurden die von den Stakeholdern beschriebenen Digitalisierungsbestrebungen des Gesundheitswesens sowohl in der Datenspeicherung, der -weitergabe aber auch in den Kommunikationskanälen von den Kunden bestätigt.

Welche Anpassungen sind nun erforderlich?

Im Rahmen der Studie wurden Experten und Vorstände der privaten Krankenversicherungsunternehmen interviewt, um deren Rollenbild im Gesundheitssystem und die Handlungsfelder zu identifizieren.  

In einem Satz zusammengefasst lässt sich sagen: Der Weg vom Payer zum Player führt über eine innovative flexible Produktlandschaft, gesteigerte Automatisierung und Digitalisierung hin zu einem leistungsstarken Gesundheitspartner auf Augenhöhe.  Dabei soll ein Gesundheits-Ökosystem entstehen, das den Kunden im Zentrum aller Bestrebungen hat. Es ergeben sich Handlungsfelder in der Produktlandschaft, den vorherrschenden Prozessen sowie im Ausbau der Kooperationstätigkeiten, um individuelle Services und Mehrwerte für die Kunden zu generieren.

Damit die Produkte auch zukunftsfähig bleiben und der steigenden Dynamik im Gesundheitsmarkt Rechnung tragen können, sollte der Versicherer noch stärker auf Modularität und Flexibilität setzen. Ziel muss es sein, innovative Gesundheitsleistungen, z. B. digitale Gesundheitsanwendungen, in die bestehenden Tarife zu überführen. Hier sind Flexibilität sowie Schnelligkeit gefragt, um im medizinischen sowie auch technologischen Bereich zu handeln und unter Umständen (versicherungsfremde) Zusatzleistungen einbeziehen zu können. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Gesetzgeber. Die Integrierung neuer Gesundheitsleistungen, z. B. aus dem präventiven Bereich, ist aufgrund regulatorischer Bestimmungen nur bedingt möglich, weshalb ein aktiver Diskurs einen wesentlichen Schlüsselfaktor darstellt.

In punkto Prozessqualität ist es unausweichlich, diese sowohl zu digitalisieren als auch zu automatisieren, um mit Wettbewerbern innerhalb und außerhalb der Branche Schritt zu halten. Ziel sollte es sein, die Erwartungen an die User Journey zu erfüllen. Dabei muss die gesamte Wertschöpfungskette eines Versicherungsunternehmens unter die Lupe genommen werden –angefangen bei der Produktentwicklung, über das Leistungsmanagement bis hin zur Beratung und dem Vertragsabschluss. Die Erhöhung der Dunkelverarbeitungsquote in den dazugehörigen Prozessen steht hierbei im Vordergrund.

Zukunft lässt sich nicht im Alleingang gestalten

Kooperationen werden ein unabdingbares Werkzeug sein, um sich im Markt positionieren zu können. Dabei kommen horizontale Kooperationen mit der GKV oder anderen PKV-en in Frage, um beispielsweise digitale Serviceangebote oder gemeinsame Plattformen als Kundenschnittstelle aufzubauen. HealthTechs bieten als vertikale Kooperationspartner für Nischenbereiche smarte, digitale Lösungen, um die Kunden individuell zu begleiten und das Servicelevel zu heben.

Die Versicherer haben es bereits zum heutigen Zeitpunkt mit wohlinformierten Kunden zu tun, für die das Thema Krankenversicherung viel mehr als reine Leistungserbringung im Krankheitsfall bedeutet. Diesen wachsenden Ansprüchen müssen die Versicherer zukünftig gerecht werden.

Zur PKV-Studie: Studie zur Zukunft der PKV (adesso.de)

 

[1] Die gematik GmbH hat gemäß § 291b SGB V (Fünftes Buch Sozialgesetzbuch) die Aufgabe, die Einführung, Pflege und Weiterentwicklung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) sowie ihrer Infrastruktur in Deutschland zu fördern und zu kooperieren. Ziel ist der einfache, sichere und zielgerichtete Austausch von Daten zwischen Versicherten, Ärzten, Apothekern sowie Krankenkassen.

Thumbnail
Cila Kurun
Projektassistentin Kompetenzteam Vertrieb & Service
Versicherungsforen Leipzig
Cila studiert Wirtschaftswissenschaften mit dem Nebenfach Soziologie und unterstütze das Team „Vertrieb und Service“. Als Werkstudentin betreut sie Studien und Veranstaltungen. Zudem plant sie neue Projekte und schreibt Fachbeiträge.