„Versicherungstarife waren schon immer datengetrieben, aber so eine Organisation ist mehr als ein Tarif“

Man hört und liest es immer wieder: Die Versicherungsbranche macht sich auf den Weg zur datengetriebenen Organisation. Doch was bedeutet das eigentlich genau? Diese Frage klären wir im Beitrag.

Typ:
Blogartikel
Rubrik:
Analytik & IT
Themen:
Data Analytics Big Data
„Versicherungstarife waren schon immer datengetrieben, aber so eine Organisation ist mehr als ein Tarif“

Man hört und liest es immer wieder: Die Versicherungsbranche macht sich auf den Weg zur datengetriebenen Organisation. Doch was bedeutet das eigentlich genau? Schließlich hört man ebenso häufig, dass Versicherer schon immer mit Daten umzugehen hatten. Wir haben bei Mandy Splettstößer und Markus Gützlaff (beide Munich Re) sowie Vincent Wolff-Marting (Versicherungsforen Leipzig) nachgefragt.

Was bedeutet es, dass sich Versicherer auf den Weg zur datengetriebenen Organisation machen? Hat die Branche nicht seit jeher mit Daten zu interagieren?

Markus Gützlaff: Das stimmt schon, Datenanalysen sind nichts Neues für Versicherungsunternehmen. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass man aus den Daten, die man im Unternehmen hat, noch viel mehr machen könnte.

Mandy Splettstößer: Das sehe ich ebenso und würde noch ergänzen, dass bis dato Daten vor allem in bestimmten Bereichen eines Versicherers genutzt wurden. Wenn man sich beispielsweise die Risikomodellierung anschaut, da waren bzw. sind schon sehr viele Versicherer datengetrieben unterwegs. Heute ist aber auch der Kunde wesentlich digitaler, die Unternehmensprozesse müssen sehr viel effizienter gestaltet werden etc., dem Thema Daten kann und muss man sich jetzt also wesentlich breiter nähern.

Vincent Wolff-Marting: Ich denke auch, dass Versicherungstarife schon immer datengetrieben waren, aber so eine Organisation ist ja mehr als ein Tarif bzw. Produkt. In einer datengetriebenen Organisation sollen auch Unternehmensentscheidungen datengetrieben getroffen werden und nicht etwa aus dem Bauch heraus oder situations- oder ereignisgetrieben.

Welche Hürden bzw. Herausforderungen stellen sich den Versicherern auf dem Weg zur datengetriebenen Organisation?

Markus Gützlaff: Ich denke, die Herausforderung liegt für viele Unternehmen darin, dass sie gar nicht so genau wissen, welche Daten im eigenen Unternehmen vorhanden sind, in welcher Qualität sie vorliegen und wofür sie genutzt werden können. Gerade in Verbindung mit etwas veralteten IT-Systemen, die die Nutzbarkeit der Daten gar nicht in der benötigten Form gewährleisten können, ist das kein ganz einfach zu bewältigender Weg.

Was erhofft sich die Branche davon, diesen Weg erfolgreich zu beschreiten?

Mandy Splettstößer: Das sind vor allen Dingen zwei Themen, die die Versicherer immer umtreiben: Erstens, die richtigen Produkte an den Markt bringen. Zweitens, die Frage der Optimierung von Kosten und Effizienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Markus Gützlaff: Ich würde noch den Kunden ergänzen, der ja immer mehr in den Mittelpunkt rückt. Über die Datenanalyse kann man versuchen, den Kunden besser zu verstehen und die Verzahnung zwischen Produkt und Kunde (passt das Produkt zu ihm, welches Produkt braucht der Kunde etc.) vorantreiben.

Vincent Wolff-Marting: Ich würde erwarten, dass die Unternehmenserfolge besser werden. Dass weniger Fehlentscheidungen getroffen werden, wenn Daten die Basis sind, auch wenn das nicht immer garantiert, dass alle Entscheidungen richtig sein müssen. Insgesamt sollte es aber schon so sein, dass man besser wird, wenn man evidenzbasiert arbeitet, als wenn man das nicht tut.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Unternehmen unabhängiger von einzelnen Köpfen werden. Bislang sind viele gute Entscheidungen darauf zurückzuführen, dass sie von den richtigen Menschen mit den richtigen Informationen getroffen wurden. In der Zeit des Fachkräftemangels sowie anderen wirtschaftlichen Herausforderungen, ist es jedoch wichtig, so viel Wissen wie möglich zu externalisieren und aus den Köpfen raus in die Systeme zu holen. Bei den prozessualen Themen beobachten wir das schon seit den 80er-Jahren und das weitet sich nun auf die weniger prozessualen Themen aus. Das geht natürlich mit Ängsten einher, dass beispielsweise der Computer die Arbeit wegnimmt. Das ist jedoch eine Diskussion, die man meiner Meinung nach nicht führen braucht, denn Arbeitswelten verändern sich und brauchen auch weiterhin Arbeitskräfte, dann vielleicht nur in etwas anders zugeschnittenen Aufgaben und Bereichen.

Ihr wollt die Versicherungsunternehmen mit einem Benchmark auf dem Weg zur datengetriebenen Organisation unterstützen. Wie genau kann so etwas helfen?

Mandy Splettstößer: Ein Benchmark hilft dahingehend, dass man einfach versteht, wo man im Vergleich mit dem Markt steht. Mit welchen Themen die anderen Versicherer kämpfen, ob man an den gleichen Fronten kämpft oder, falls man sich vielleicht als einziger mit einem bestimmten Thema beschäftigt, ob das Thema wirklich die angedachte Relevanz verdient. Damit kann ein Benchmark ein Stück weit richtungsweisend sein.

Vincent Wolff-Marting: Wenn alles datengetriebener wird, dann sollte man meiner Meinung nach auch datengetrieben vorgehen und seine Strategie nicht nur auf Vermutungen oder „Marktraunen“ aufbauen, sondern den Nebel auch ein Stück weit lüften und Substanzieren.

Unterscheiden muss man außerdem auch die innere Sicht und die Sicht nach außen. Bei einem Benchmark vergleicht man sich zum einen mit dem Rest des Marktes, das kann motivierend sein, sowohl für die externe als auch interne Kommunikation. Zum anderen kann man überprüfen, wie die einzelnen internen Bereiche aufgestellt sind, wo es Punkte für Verbesserungen oder Nachholbedarf gibt. Es ist einfach ein objektiver Blick, der zeigt, wo man steht.

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