Nachhaltigkeit im Versicherungsmarkt: Fünf Entwicklungen aus dem Marktmonitor Sustainable Insurance Industry
Der Marktmonitor Sustainable Insurance Industry zeigt fünf Entwicklungen, die Nachhaltigkeit im Versicherungswesen greifbar machen: von Prävention und neuen Produkten bis zu Forschung und verbindlichen Leitlinien.
Nachhaltigkeit im Versicherungswesen zeigt sich längst nicht mehr nur in Klimastrategien, ESG-Berichten oder regulatorischen Anforderungen. Sie wird zunehmend in konkreten Produkten, Präventionsangeboten, Kooperationen und einer neuen Unternehmenskultur sichtbar. Der Marktmonitor Sustainable Insurance Industry für den Zeitraum März bis September 2026 dokumentiert insgesamt 44 redaktionell aufbereitete und von Expertinnen eingeordnete Neuigkeiten. Fünf Beispiele zeigen, wie breit sich die Entwicklungen inzwischen über die gesamte Versicherungswirtschaft erstrecken.
1. Prävention wird zur Gemeinschaftsaufgabe: „Elementa – Zentrum Naturgefahren“
Im Mai 2026 starteten öffentliche Versicherer, darunter der Versicherungskammer-Konzern und der badische Versicherer BGV, gemeinsam mit dem Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung die Online-Plattform „Elementa – Zentrum Naturgefahren“.
Das Portal richtet sich unter anderem an Hausbesitzer, Bauherren und Bauherrinnen, Architekten und Architektinnen. Es soll dabei unterstützen, Gebäude besser gegen Extremwetterereignisse wie Starkregen, Hagel und Hochwasser zu schützen. Ein zentrales Element ist ein adressgenaues Risiko-Radar. Es greift auf behördliche Gefahrenkarten sowie hochaufgelöste Hagel-Risikodaten des Karlsruher Instituts für Technologie zurück.
Bemerkenswert ist der ganzheitliche Ansatz: Individuelle Vorsorge am Gebäude soll mit Konzepten der öffentlichen Infrastruktur sowie mit Einsatz- und Rettungsplänen verknüpft werden. Die Initiative macht deutlich, dass Versicherer Prävention zunehmend als gemeinsame Aufgabe von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft verstehen. Besonders relevant ist dabei die frühzeitige Sensibilisierung in der Planungs- und Bauphase. Denn viele Schäden lassen sich wirksamer vermeiden, wenn Resilienz bereits bei der Gebäudeplanung berücksichtigt wird.
2. Wohngebäudeversicherung für die Energiewende: VHV erweitert ihren Schutz
Auch Versicherungsprodukte passen sich an die veränderte technische Ausstattung von Gebäuden an. Die VHV Allgemeine überarbeitete im Juni 2026 ihre Wohngebäudetarife KLASSIK-GARANT und EXKLUSIV grundlegend.
Ein neuer Baustein „Wärmepumpe und Solarthermie“ schließt Versicherungslücken bei Wärmepumpen, Solarthermieanlagen und Geothermieanlagen, der Baustein „Technik und Smart Home“ bietet darüber hinaus eine Allgefahrendeckung für Wallboxen, Ladesäulen, Heizungs- und Sicherheitssteuerungen sowie Alarm- und Meldeanlagen. Auch Balkonkraftwerke sind in einem Tarif mitversichert.
Die Anpassungen zeigen, dass nachhaltigere Technologien nicht nur installiert, sondern auch in bestehende Versicherungslogiken integriert werden müssen.
3. Frauengesundheit als Bestandteil moderner Krankenversicherung
Die INTER Versicherungsgruppe baut ihr Gesundheitsangebot durch eine strategische Kooperation mit der digitalen Gesundheitsplattform Evela Health aus. Im Mittelpunkt steht die Begleitung von Frauen in den Wechseljahren.
Vollversicherte INTER-Kundinnen ab 40 Jahren erhalten über die App kostenfreien Zugang zum Premium-Angebot von Evela Health. Das Angebot kombiniert Informationen zu typischen Symptomen mit individueller Beratung und digitalen Gesundheitskursen. Thematisiert werden unter anderem Behandlungsoptionen und relevante Lebensstilfaktoren. Zusätzlich ermöglicht ein Netzwerk kooperierender Ärztinnen und Ärzte die Erstellung personalisierter Gesundheits- und Therapiepläne. Bei Bedarf können auch Rezepte digital ausgestellt werden.
Die Kooperation steht beispielhaft für einen Wandel in der Krankenversicherung: Neben der Erstattung medizinischer Leistungen gewinnen Prävention, digitale Begleitung und zielgruppenspezifische Gesundheitsangebote an Bedeutung. Zugleich adressiert die INTER ein Thema, das im Gesundheitssystem lange unzureichend berücksichtigt wurde. Für Produktverantwortliche eröffnet sich damit die Frage, wie Versicherungsleistungen stärker an unterschiedlichen Lebensphasen und individuellen Gesundheitsbedürfnissen ausgerichtet werden können.
4. Nachhaltigkeitsbezogene Versicherungslösungen brauchen glaubwürdige Regeln
Mit den „Sustainability-Linked Insurance Principles“ veröffentlichte die Federation of European Risk Management Associations (FERMA) im Mai 2026 einen freiwilligen Rahmen für nachhaltigkeitsbezogene Versicherungslösungen. Sustainability-Linked Insurance verknüpft Versicherungsbedingungen oder Preismechanismen mit messbaren Nachhaltigkeitszielen.
Die Leitlinien befassen sich mit der Auswahl geeigneter Kennzahlen, der Definition ambitionierter Ziele, der Gestaltung von Anreizen sowie mit Reporting und unabhängiger Verifizierung. Die Initiative ist vor allem deshalb relevant, weil sie Greenwashing-Risiken entgegenwirken soll. Nachhaltigkeitsversprechen müssen nachvollziehbar, überprüfbar und mit der tatsächlichen Wirkung eines Versicherungsprodukts verbunden sein. Einheitlichere Standards können dabei helfen, die Glaubwürdigkeit und Integrität zu stärken.
5. AXA untersucht eine neue gemeinsame Risikokultur
Die AXA Foundation for Human Progress und die École normale supérieure starteten im März 2026 das transdisziplinäre Forschungsprogramm „Re-Contract“ zur Erneuerung des Gesellschaftsvertrags. Es untersucht, wie geopolitische Instabilität, Umweltkrisen, wachsende Ungleichheit, institutionelles Misstrauen, Informationsmanipulation und globale Risiken den gesellschaftlichen Zusammenhalt beeinträchtigen.
Im Zentrum steht das Phänomen der Polykrise, also das gleichzeitige Auftreten miteinander verflochtener Krisen. Philosophie, Sozialwissenschaften, Recht und Wirtschaft sollen gemeinsam neue Präventionsansätze und eine gemeinsame Risikokultur entwickeln. Dabei wird auch die Rolle privater und öffentlicher Akteure im Umgang mit komplexen Risiken betrachtet.
Für die Versicherungswirtschaft ist dieser Ansatz strategisch bedeutsam. Versicherer bewerten nicht nur Risiken, sondern prägen auch, wie Gesellschaften mit Unsicherheit umgehen. Forschung zu Vertrauen, Resilienz und gesellschaftlichem Zusammenhalt kann deshalb langfristig Einfluss auf Produkte, Präventionsangebote und die Unternehmenskultur nehmen.
Informiert bleiben mit dem Marktmonitor
Diese fünf Beispiele geben nur einen kleinen Einblick in die insgesamt 44 redaktionell aufbereiteten und von unseren Expertinnen eingeordneten Neuigkeiten des Marktmonitors. Die Themenvielfalt reicht von Unternehmensstrategien und Kooperationen über nachhaltigere Versicherungskonzepte in den Sparten Komposit sowie Leben und Kranken bis hin zu neuen Initiativen, Richtlinien und regulatorischen Entwicklungen. Ergänzt wird der Überblick durch praxisnahe Beispiele für eine nachhaltige Unternehmenskultur.
Damit richtet sich der Marktmonitor nicht nur an Nachhaltigkeitsabteilungen in Versicherungshäusern. Auch Produktverantwortliche aus sämtlichen Versicherungssparten sowie Gestalterinnen und Gestalter der internen und externen Unternehmenskultur finden darin relevante Impulse für ihre Arbeit.
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