Klimaschutz ist Risikoschutz: Wie deutsche Versicherer ihre Klimatransitionspläne gestalten
Hitzerekorde, Ernteausfälle, Milliardenschäden: Wie Allianz, AXA, Zurich, Swiss Re & UNIQA ihre Klimatransitionspläne gestalten – ein Praxisvergleich.
Lesedauer: 8 Minuten
Zentrale Erkenntnisse:
- Klimatransitionspläne werden durch Regulierung (z. B. EmpCo-Richtlinie) zum Pflichtinstrument für glaubwürdige Nachhaltigkeitskommunikation.
- Beim Zieljahr für Netto-Null zeigen sich erste Unterschiede: Die Mehrheit orientiert sich an 2050, Aviva und teilweise UNIQA setzen mit 2040 ambitioniertere Marken.
- Kapitalanlage ist methodisch am weitesten entwickelt, im Underwriting fehlt es dagegen häufig noch an einheitlichen Standards (PCAF bislang nur für Kfz- und Industriegeschäft verfügbar).
- Bei Risikoausschlüssen setzen Versicherer unterschiedliche Schwerpunkte: von „Engagement first" (Zurich) bis zu striktem Eskalationsmodell mit Desinvestition (Aviva).
- Die interne Verankerung entscheidet über den Erfolg: Immer mehr Versicherer koppeln Boni und Vergütung an Klimaziele – Vorreiter ist hier AXA.
Quellen: Der Artikel basiert auf den öffentlich zugänglichen Klimatransitionsplänen und Nachhaltigkeitsberichten von Allianz, AXA, Generali, Zurich, Swiss Re, Aviva, UNIQA, Storebrand und Tryg sowie auf Daten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sowie tagesschau.de (vollständige Quellenangaben am Ende des Beitrags).
Brennende Felder und ein Hitzerekord, der in Leipzig die Straßenbahnfugen zum Schmelzen bringt: Der Sommer 2026 zeigt uns in Deutschland und der gesamten DACH-Region, was der Klimawandel ganz konkret bedeutet. Längst handelt es sich nicht mehr um eine abstrakte Bedrohung, sondern um eine Realität, die direkt vor unserer Haustür angekommen ist.
Neben Hochwasser und Unwettern entwickelt sich extreme Hitze zunehmend zu einer gravierenden Gefahr: Bis Ende Juni sind in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts bereits mehr als 5.100 Menschen an den Folgen hoher Temperaturen gestorben. Zugleich verursacht jeder außergewöhnlich heiße Tag hierzulande volkswirtschaftliche Schäden von rund 430 Millionen Euro, vor allem durch den Verlust von Arbeitsleistung.
Ob Lebens- und Krankenversicherer, die mit neuen Gesundheitsrisiken konfrontiert sind, oder Sachversicherer, die Ernteausfälle und Brandschäden regulieren müssen: Das Risiko ist real, regional und akut.
Genau deshalb sind Klimatransitionspläne für deutsche Versicherer weit mehr als ein theoretisches Regelwerk für die Schublade: Sie sind ein zentrales Steuerungsinstrument für eine zukunftsfähige Unternehmensstrategie.
Gleichzeitig müssen Nachhaltigkeitsversprechen belastbar und transparent nachweisbar sein. Mit der europäischen EmpCo-Richtlinie (Empowering Consumers for the Green Transition) gelten künftig strengere Vorgaben für die Kommunikation von Nachhaltigkeit: Versicherer müssen entsprechende Aussagen klar, nachvollziehbar und belastbar belegen können.
Ein Klimatransitionsplan ist der konkrete, nachvollziehbare Beleg für die Ernsthaftigkeit, mit der ein Unternehmen die Transformation des eigenen Kerngeschäfts vorantreibt. Doch wie sieht die Umsetzung in der Praxis aus? In diesem Beitrag vergleichen wir die Klimatransitionspläne führender Versicherer – von Branchenriesen wie Allianz und AXA über Zurich bis hin zur österreichischen UNIQA – und zeigen, wie unterschiedlich die Häuser bei Zeitplänen, dem Underwriting und der Kapitalanlage vorgehen.
Klimatransitionspläne in der Praxis: Ein Vergleich der Umsetzung bei Allianz, AXA & Co.
Ein Vergleich der veröffentlichten Pläne von Allianz, AXA, Generali, Zurich, Swiss Re, Aviva, UNIQA, Storebrand und Tryg verdeutlicht, dass die Branche einem gemeinsamen Zielbild folgt. Bei der Operationalisierung setzen die Unternehmen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte und gehen in den einzelnen Handlungsfeldern verschieden granular vor. Im Folgenden betrachten wir im Detail, wie die Unternehmen konkret vorgehen und welche Prioritäten sie dabei jeweils setzen.
Zeitlicher Fokus: Netto-Null 2040 oder 2050?
Allein die zeitliche Ausrichtung der Zielsetzungen der betrachteten Pläne offenbart erste signifikante Unterschiede im Ambitionsniveau. Während sich das Marktfeld um die Allianz, AXA, Generali, Zurich und Swiss Re am globalen Standard der Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 orientiert, setzt die Aviva-Gruppe mit dem Zieljahr 2040 einen herausfordernderen Zeitplan über alle Scopes hinweg. Eine regionale Differenzierung verfolgt die UNIQA Group, die für ihren österreichischen Kernmarkt auch das Zieljahr 2040 definiert, während für die internationale Gruppe der Horizont 2050 beibehalten wird. Diese zeitliche Staffelung reflektiert die unterschiedlichen regulatorischen und ökonomischen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Märkten.
Die drei Säulen der Transformation: Kapitalanlage, Underwriting und Geschäftsbetrieb
Hinsichtlich der inhaltlichen Strukturierung zeigt sich ein Konsens darüber, dass ein wirksamer Transitionsplan die gesamte Wertschöpfungskette adressieren muss. Allianz, AXA, Zurich, Generali und Swiss Re gliedern ihre Pläne konsequent in drei Säulen: Kapitalanlage, Versicherungsgeschäft und eigener Geschäftsbetrieb.
In der Kapitalanlage ist der methodische Reifegrad derzeit am höchsten. So hinterlegen die Zurich und die Allianz die Dekarbonisierung ihrer Portfolios mit präzisen Zwischenzielen bis 2025 und 2030, während AXA und Generali ihre Steuerung zusätzlich mit konkreten Investitionszielen in klimafreundliche Lösungen untermauern. So strebt die AXA jährliche Neuinvestitionen von fünf Mrd. Euro bis 2030 an, während Generali im Rahmen des aktuellen Strategieplans bis 2027 eine Steigerung der Investitionen in Klimalösungen um insgesamt zwölf Mrd. Euro verfolgt. Dies unterstreicht die wichtige Rolle der Versicherer als institutionelle Investoren, die durch gezielte Kapitalallokation den Wandel in der Realwirtschaft finanzieren können.
Im Underwriting ist die methodische Herangehensweise deutlich schwieriger und ist derzeit noch weitaus individueller geprägt. Eine zentrale strategische Weichenstellung für die Versicherer ist dabei die Entscheidung, ob Klimatransitionsziele für das gesamte Versicherungsportfolio aggregiert oder auf spezifische Sparten und Sektoren heruntergebrochen werden.
Orientierung für die Messung der Emissionen bieten der Branche die PCAF-Ansätze (Partnership for Carbon Accounting Financials). Diese wurden ursprünglich als globaler Standard für Finanzinstitute entwickelt, um finanzierte bzw. versicherte Treibhausgasemissionen einheitlich zu berechnen. Dabei werden für unterschiedliche Geschäftsfelder spezifische Attributionsformeln sowie eine fünfstufige Datenqualitäts-Hierarchie vorgegeben, anhand derer sich die Emissionen möglichst konsistent und vergleichbar ermitteln lassen. Allerdings liegen ausgearbeitete PCAF-Methoden derzeit nur für Kfz- und Industrie-/Gewerbeversicherung vor. Aus diesem Grund haben sich Allianz und AXA konkrete Reduktionsziele für das Kraftfahrzeug-Privatkundengeschäft sowie für spezifische Industriesektoren gesetzt, wie die folgende Tabelle vergleichend darstellt:
| Allianz | AXA | |
| Kfz-Privatkunden | Kohlenstoffintensität -30 % bis 2030 in Kernmärkten |
Kohlenstoffintensität -20 % bis 2030
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| Gewerbe/Industrie | Emissionsintensität - 45 % bis 2030 in den emissionsintensivsten Sektoren (z. B. Energie, Transport, Stahl). |
Absolute Emissionen -30 % bis 2030 bei großen Gewerbekunden
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Die Swiss Re, als weltweit agierender Rückversicherer mit spezifischen methodischen Anforderungen, hat die Senkung der Kohlenstoffintensität des direkten Portfolios um 45 Prozent bis 2030 (Basis 2019) zum Ziel. Die Zurich hingegen gibt an, derzeit noch den Fokus auf die Entwicklung valider Messverfahren für Insurance Associated Emissions (IAE) zu legen, als Basis für zukünftige harte Reduktionsziele.
Einen operativen Akzent setzt die skandinavische Tryg, indem sie die Kreislaufwirtschaft in der Schadenregulierung – etwa durch das Prinzip Reparatur vor Ersatz – als zentralen Hebel identifiziert. Während auch Branchengrößen wie die Allianz und die AXA zunehmend Nachhaltigkeitskriterien in ihr Schadenmanagement integrieren und beispielsweise Reparaturquoten fördern, hebt die Tryg diesen Ansatz auf eine strategische Ebene. Dies verdeutlicht, dass Sachversicherer den Hebel im Schadenmanagement höher bewerten als lebensversicherungsnahe Konzerne und daher gesondert Ziele und Transformationspfade aufnehmen.
Risikoausschlüsse vs. aktives Engagement
Ein zentraler Aspekt ist das Verhältnis zwischen Risikoausschlüssen und aktivem Engagement. Nahezu alle untersuchten Häuser haben klare Ausstiegskriterien für die Kohlewirtschaft sowie Einschränkungen für neue Öl- und Gasprojekte verankert. Dabei erstrecken sich diese konsequent sowohl auf die Kapitalanlage als auch auf das Versicherungsgeschäft. Darüber hinaus gibt es vermehrt auch Einschränkungen für unkonventionelle fossile Brennstoffe wie Ölsande oder Arktis-Bohrungen.
Methodisch basieren diese Ausschlüsse in der Kapitalanlage häufig auf festen Umsatzschwellen (meist ab fünf Prozent), während im Versicherungsgeschäft zusätzlich projektspezifische Kriterien oder Deckungsverluste für Bestandskunden ohne glaubwürdigen Transitionsplan herangezogen werden.
Dennoch variieren die zugrunde liegenden Ansätze im Detail: Die Zurich stellt den Grundsatz des Dialogs unter dem Motto „Engagement first“ in den Mittelpunkt, um Unternehmen aktiv im Wandel zu begleiten. Im Gegensatz dazu verfolgt Aviva ein striktes Eskalationsmodell, das bei ausbleibendem Fortschritt nach einem definierten Zeitraum konsequente Desinvestitionen vorsieht.
Interne Verankerung: Wenn Boni an grüne KPIs gekoppelt werden
Die erfolgreiche Operationalisierung entscheidet sich an der internen Verankerung und der Verknüpfung mit ökonomischen Anreizen. AXA nimmt hier eine Vorreiterrolle ein, indem sie das Erreichen von Klimazielen direkt an die variable Vergütung ihrer Führungskräfte koppelt und angibt, nahezu die gesamte Belegschaft im Rahmen ihrer AXA Climate Academy bereits im Jahr 2023 geschult zu haben. Auch Allianz, Zurich und Swiss Re haben Nachhaltigkeits-KPIs tief in ihre Vergütungs- und Steuerungsprozesse integriert.
| Unternehmen | Regelung für Führungskräfte / Management | Regelung für weitere Mitarbeiter |
| AXA | 15 % Gewichtung eines quantitativen Klimaziels (CO₂-Fußabdruck der Assets) in der Leistungsmatrix für ca. 2.000 Mitarbeiter. 30 % Gewichtung für ESG-Kriterien (inkl. CO₂-Reduktion) im Long-Term Incentive (LTI) Plan. | LTI-Regelungen gelten für insgesamt ca. 6.000 Mitarbeiter jährlich. |
| Tryg | 20 % der variablen Vergütung des Vorstands (STI 2025) entfallen auf Nachhaltigkeits- und ESG-Ziele (u. a. CO₂-Reduktion). | Die Reduktion der CO₂e -Emissionen* aus dem eigenen Geschäftsbetrieb und der Schadenregulierung ist Teil des jährlichen Bonusprogramms für die Belegschaft. |
| Zurich | 10 % Gewichtung für eine betriebliche CO₂e -Kennzahl* im Long-Term Incentive Plan (LTIP) für Senior-Positionen und Executive Committee. | Klimaschutzmaßnahmen sind in den jährlichen individuellen Zielen (STIP) der Mitarbeiter verankert. |
| Allianz | Die Vergütung des Vorstands ist explizit an das Erreichen von Klimazielen gekoppelt. | Keine Angaben. |
| Swiss Re | Ein interner CO₂-Preis (Carbon Steering Levy) dient als Steuerungselement und Anreiz für operative Einheiten. | Mitarbeiter werden über das Programm „NetZeroYou2" zu Klimamaßnahmen motiviert. |
Fazit
Ein belastbarer Klimatransitionsplan erfordert ein ausgewogenes Zusammenspiel aus messbaren Zielen, einer Differenzierung nach Geschäftsbereichen und einer robusten Governance. Die Branche bewegt sich weg von abstrakten Versprechen hin zu einer Phase, in der die operative Umsetzung im Kerngeschäft zur neuen Benchmark wird.
Mit den methodischen und strategischen Herausforderungen dieser Transformation werden wir uns auch weiterhin intensiv beschäftigen. Klimatransitionspläne waren zudem zentraler Gegenstand unserer vergangenen Zukunftswerkstatt, in der wir gemeinsam mit Branchenvertretern praktische Lösungsansätze diskutiert haben. Wenn Sie Interesse an einem vertieften Austausch zu Zielsystemen haben oder wissen möchten, wo Sie im Branchenvergleich der Kapitalanlage stehen, kommen Sie für eine Analyse Ihrer ESG-Performance oder ein individuelles Benchmarking gerne auf uns zu.
Quellen:
Der Net-Zero Transitionsplan der Allianz Gruppe (2023)https://www.allianz.com/content/dam/onemarketing/azcom/Allianz_com/sustainability/documents/Allianz_Inaugural-Net-Zero-Transition-Plan.pdf
Der integrierte Klimatransitionsplan der AXA Gruppe (2024)
Der Klimatransitionsplan der Generali Group (2025)
Der Klimatransitionsplan der Zurich Insurance Group (2024)
Der systemische Ansatz der Swiss Re (2024)
Der Klimatransitionsplan der Aviva Gruppe (2025)
Der Klimatransitionsplan der UNIQA Group (2024)
Der Investoren-getriebene Ansatz der Storebrand (2024)
Der klimazentrierte Ansatz der Tryg Gruppe (2025)
Mehr als 5.000 Hitzetote in Deutschland, tagesschau.de, Abruf am 13.7.2026