Solvency-II-Review: Neue Chancen für die strategische Asset-Allokation
Der Solvency-II-Review eröffnet Versicherern neue Spielräume für die strategische Asset-Allokation und senkt teils die Kapitalanforderungen für Verbriefungen und LTEI.
Mit Solvency II trat 2016 ein einheitlicher europäischer Aufsichtsrahmen in Kraft, der als Antwort auf die Finanzmarktkrise im Zusammenhang mit dem Streben nach einer Kapitalmarktunion entwickelt wurde. Das Regelwerk basiert auf einem risikoorientierten Ansatz und gliedert sich in drei zentrale Säulen: die quantitativen Kapitalanforderungen, die Governance- und Risikomanagementvorgaben sowie die Transparenz- und Offenlegungspflichten. Dieser Aufbau stärkte die Widerstandsfähigkeit des europäischen Versicherungssektors nachhaltig. In Krisen wie der Covid-19-Pandemie oder den Inflationsschüben des Jahres 2022 zeigte sich, dass Solvency II die Branche robust, steuerbar und reaktionsfähig gemacht hat.
Gleichzeitig haben geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Verwerfungen und gesellschaftliche Veränderungen zu neuen Anforderungen an Versicherungsunternehmen geführt. Vor diesem Hintergrund wurde eine umfassende Überarbeitung des Solvency-II-Regelwerks notwendig. Im Mittelpunkt dieser Reform stehen die Förderung langfristiger Investitionen sowie die Stärkung des Beitrags der Versicherungswirtschaft zur wirtschaftlichen Erholung und Transformation der EU. Die Anpassungen unterstützen zudem die schrittweise Vollendung einer europäischen Kapitalmarktunion, indem sie gebundenes Kapital mobilisieren und Investitionsanreize verbessern.
Was ändert sich durch die Solvency-II-Reform?
Rechtlich basiert die Reform auf der Richtlinie (EU) 2025/2 (Level 1, in Kraft seit Ende Januar 2025) sowie der finalen Delegierten Verordnung (EU) 2025/7206. Der späteste Anwendungsbeginn ist der 30. Januar 2027. Ein gemeinsames Whitepaper der Versicherungsforen Leipzig und der DWS zum Solvency-II-Review bietet Versicherungsunternehmen Orientierung zu den wesentlichen Veränderungen und beleuchtet dabei drei zentrale Themenschwerpunkte.
1. Zinsrisikomodul: Neue Anforderungen an die Zinsmodellierung
Das Zinsrisiko-Submodul wird geschärft, um Zinsrückgänge auch im Niedrig- und Negativzinsumfeld konsistent zur Zinsstruktur-Extrapolation abzubilden, begrenzt durch einen laufzeitabhängigen Floor, um Extremkalibrierungen zu vermeiden. Das Zins-SCR richtet sich künftig nach dem jeweils größeren Wert aus den Szenarien „Zins-Up“ und „Zins-Down“, wodurch der Abwärtsfall häufiger kapitalbindend wirken kann. Die Einführung erfolgt phasenweise über bis zu fünf Jahre und ist im SFCR offenzulegen.
2. Verbriefungen: Geringere Kapitalanforderungen schaffen neue Anlagechancen
Verbriefungen litten seit der Finanzkrise 2007/08 unter einem Vertrauens- und Regulierungsverlust, der aus europäischer Sicht angesichts niedriger Ausfallraten von maximal einem Prozent überzogen wirkte. Der Review senkt auf Level 2 die Kapitalanforderungen deutlich: Senior-STS-Verbriefungen (STS = Simple, Transparent, Standardised) werden Covered Bonds kapitalseitig angenähert. Bei Non-STS-Verbriefungen erfolgt eine Differenzierung nach Seniorität.
Ziel ist es, gebundenes Kapital für „produktive“ Investitionen freizusetzen. Dadurch verbessert sich für Versicherer das Verhältnis von Spread-Rendite zu Kapitalanforderung deutlich. Die Anlageklasse dürfte damit ab 2027 wieder verstärkt in die strategische Asset-Allokation vieler Versicherer zurückkehren.
3. LTEI: Solvency-II-Vorteile für langfristige Aktienanlagen
LTEI werden als eigenständiges Regime verankert: Qualifizierte, langfristig gehaltene Aktienanlagen erhalten statt des regulären Aktienschocks einen reduzierten Instant-Schock von 22 Prozent. Zentrale Voraussetzung ist der Nachweis, dass über einen Fünfjahreshorizont keine Zwangsverkäufe („Forced Selling“) nötig werden. Dieser Nachweis kann wahlweise über einen Stabilitätstest mit Fokus auf Passivseite und Liquiditätsquote oder über einen dynamischen Liquiditätstest mit Fokus auf Cashflow-Projektionen unter Stress erfolgen.
Die Privilegierung ist als „Lock-in“ angelegt. Sie erfordert die fortlaufende Einhaltung der Kriterien, konsistente Methoden und eine robuste Governance. Bei Abweichungen drohen Eskalationsmechanismen bis hin zur temporären Abklassifizierung.
Was Versicherer jetzt für SAA, ALM und Liquiditätsmanagement prüfen sollten
Der Solvency-II-Review eröffnet Versicherern neue strategische Freiheitsgrade und verbessert in Teilbereichen die Kapitaleffizienz. Im Gegenzug bringt er erhöhte Anforderungen an Steuerung, Governance und Liquiditätsmanagement mit sich.
Die Chance liegt darin, die regulatorische Entlastung in tragfähige strategische Allokationsentscheidungen zu übersetzen, etwa durch eine frühzeitige Überprüfung von SAA, ALM und Liquiditätssteuerung, gegebenenfalls im Austausch mit einem Assetmanager. Eine ausführliche Einordnung der Praxisimplikationen und konkreten Kalibrierungen findet sich im Whitepaper der Versicherungsforen Leipzig in Kooperation mit der DWS.
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