Nachhaltigkeit in der Versicherungswirtschaft: „In einer Drei-Grad-Welt wird es eng für private Versicherer“

Dr. Arne Holzhausen von Allianz Research spricht im Interview über Nachhaltigkeit in der Versicherungswirtschaft, Klimarisiken, ESG und die Frage, warum Versicherbarkeit künftig stärker von Prävention und Transformation abhängt.

Typ:
Blogartikel
Rubrik:
Strategie & Innovation
Themen:
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit in der Versicherungswirtschaft: „In einer Drei-Grad-Welt wird es eng für private Versicherer“

Die Versicherungswirtschaft lebt davon, die Zukunft berechenbar zu machen. Doch was passiert, wenn Risiken durch Klimawandel, Naturkatastrophen und gesellschaftliche Spannungen immer schwerer kalkulierbar werden? Für Dr. Arne Holzhausen, Head of ESG-Research bei Allianz Research, ist klar: Versicherer können es sich nicht länger leisten, erst dann aktiv zu werden, wenn der Schaden bereits entstanden ist.

Auf der Sustainable Insurance Convention 2026 wird Holzhausen in seiner Keynote „Die Zukunft sichern – Der positive Kreislauf von Versicherung und Nachhaltigkeit” diesen Rollenwechsel beleuchten: weg vom reinen Schadenregulierer, hin zum aktiven Gestalter von Prävention, Resilienz und nachhaltiger Transformation. Im Vorfeld spricht er im Interview über die Grenzen der Versicherbarkeit, die Hebelwirkung von Kapitalanlage und Zeichnungspolitik und darüber, warum Nachhaltigkeit nicht im Widerspruch zur Wettbewerbsfähigkeit steht, sondern zu ihrer Voraussetzung wird.

Ihre Keynote bei der SIC beschreibt einen „positiven Kreislauf“ zwischen Assekuranz und Nachhaltigkeit. Können Sie dieses Zusammenspiel konkretisieren? Inwiefern wandelt sich die Rolle der Versicherungswirtschaft hierbei vom rein passiven „Schadenabwickler“ hin zum strategischen Beschleuniger der ökologischen Transformation für die gesamte Realwirtschaft?

In den letzten Jahren sind die Risiken kontinuierlich gestiegen, nicht nur, aber vor allem auch wegen des Klimawandels. Wenn sich diese Entwicklung ungebremst fortsetzt, ist absehbar, dass wir eher früher als später den Punkt erreichen, an dem Risiken nicht mehr versicherbar werden. Wir müssen also „vor die Kurve“ kommen, d. h. aktiv daran arbeiten, dass Risiken nicht weiter steigen und idealerweise sogar wieder sinken. Was aber ist Risikoprävention und -reduzierung anderes als nachhaltiges Wirtschaften? Damit ändert sich auch unser Geschäftsmodell, von der nachträglichen finanziellen Entschädigung hin zur proaktiven Minimierung und Vermeidung von Risiken. Mit anderen Worten: Indem wir unsere Kunden zu nachhaltigem Handeln anleiten, sichern wir unsere eigene Geschäftsgrundlage.
 

Versicherer besitzen zwei mächtige Hebel: die Asset-Seite als einer der größten institutionellen Investoren weltweit und die Liability-Seite durch die Zeichnungspolitik und Produktgestaltung. Wo identifiziert die aktuelle Forschung die stärkste Hebelwirkung hinsichtlich Effektivität und Impact – und in welchem Produktsegment oder Thema sehen Sie das größte ungenutzte Potenzial?

Beide Hebel sind nach wie vor essenziell. Aber eine gewisse Akzentverschiebung lässt sich schon erkennen. Früher spielte sicherlich in der Klimapolitik der Aspekt der „Abmilderung“ (Mitigation) die dominierende Rolle, entsprechend lag der Schwerpunkt auf Investitionen in neue, saubere Technologien wie erneuerbare Energien. In dem Maße aber, in dem das Erreichen der Klimaziele in die Ferne rückt, kommt dem Aspekt der „Anpassung“ (Adaption) eine immer größere Rolle zu. Und hier ist das Zeichnen von Risiken ein mächtiger Hebel, um Maßnahmen zur Schadenprävention zu initiieren. Hier sind sicherlich noch nicht alle Möglichkeiten ausgereizt.

Wenn wir „Zukunft sichern“ wörtlich nehmen: Wird die ESG-Konformität mittel- bis langfristig zur harten Bedingung für die Solvenz und das Überleben eines Versicherers?

 

Eigentlich ist sie es schon. Denn Versicherer, die heute nicht nachhaltig handeln, setzen ihre Zukunft aufs Spiel. Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben: In einer Drei-Grad-Welt wird es keine privaten Versicherer mehr geben, zumindest nicht als Risikoträger. Ähnliches gilt im Übrigen auch für das „S“ in ESG. Nicht-resiliente, stark polarisierte Gesellschaften neigen eher zu staatlichen Lösungen: Risiken werden sozialisiert. Eine Marktwirtschaft basiert grundsätzlich auf einer freien und offenen Gesellschaft mit individueller Verantwortung. Diese Überlegungen betreffen natürlich nicht nur die Versicherer. Insofern ist Nachhaltigkeit – oder ESG-Konformität – für alle Unternehmen essenziell.

Wenn Sie einen Zukunfts-Joker hätten: Welches „Das geht nicht“ beim Thema Nachhaltigkeit würden Sie streichen?

Ich bin der Überzeugung, dass technologisch alles geht. Vieles, was heute noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten als wenig sinnvoll erscheint – von der Wasserstoff-Ökonomie bis hin zur CO2-Abscheidung und Speicherung –, dürfte sich in ein paar Jahren schon anders darstellen. Man muss sich nur die Kostenentwicklung der erneuerbaren Energien vor Augen halten. Schwieriger sind die Barrieren im Kopf. Zu häufig noch werden Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit als Gegensätze behandelt. Das gilt aber höchstens für die (ganz) kurze Frist, die aber leider zu häufig die politischen Debatten dominiert. Mittel- bis langfristig lässt sich der Wirtschaftsstandort Deutschland nur mit zukunftsfähiger, d. h. nachhaltiger Technologieführerschaft bewahren – oder gar nicht.

Vielen Dank für das Interview!

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