KI, Automatisierung, Kreislaufwirtschaft: Was das Schadenmanagement 2026 bewegt
KI, Automatisierung & Kreislaufwirtschaft: Die Highlights und Lösungsansätze vom Fachforum „Claims Handling“ auf dem Messekongress 2026 im Überblick.
Automatisierung, KI-Validierung und Kreislaufwirtschaft: Das Fachforum „Claims Handling“ im Rahmen des Messekongresses Schadenmanagement & Assistance 2026 zeigte wieder, welche Projekte die Versicherer aktuell bearbeiten und welche Lösungen sich dabei bewähren. Von der Sanierungs-Software „Rocket Repair“ über die Wetter-API-Anbindung bis hin zum „Happy Path“ der Allianz – wir fassen die technologischen Highlights und Lösungsansätze im Beitrag zusammen.
Softwarelösungen im Claims Handling: Von der strukturierten Sanierung zur automatisierten Datenvalidierung
Wie sich mittels Standardisierung, Automatisierung und Integration die Effizienz in der operativen Schadenabwicklung steigern lässt, zeigten zwei beim Messekongress vorgestellte Praxisbeispiele.
Die Lösung „Rocket Repair" zielt auf die digitale Strukturierung von Daten für Sanierungsdienstleister ab, um Effizienz, Transparenz, Qualität und Standardisierung zu steigern. Das Funktionsspektrum umfasst die Projektverwaltung und Koordination, eine durchgängige digitale Dokumentation via Web und App sowie die Erstellung detaillierter Raumpläne, Messprotokolle und Berichte. Auch die Zeiterfassung sowie die Bearbeitung von Fotos und Dokumenten sind in das System integriert.
Vorgestellt wurde die Lösung von Michael Rodenberg (Verisk Property GmbH) und Olaf Arns (Sprint Sanierungs GmbH), die damit einen Weg zur Flexibilität und Zukunftssicherheit in der Sanierung aufzeigten.1
Wie Wetterabfragen durch eine Wetter-API-Anbindung vereinfacht und verkürzt werden, zeigten Domcura und Meteomatics anhand ihres gemeinsamen Projekts. Melanie Luther (Senior Principal Customer Success Manager, Meteomatics AG) und Torben Borzek (Teamleiter Schaden, DOMCURA AG) erklärten, wie der bisher manuelle Prozess von Abfragen mithilfe einer API-Anbindung direkt in die Schadenbearbeitung eingebunden werden kann. Für die Datenerhebung ist Meteomatics zuständig. Die erhobenen Daten werden den Bearbeitern durch einen Klick in einer übersichtlichen grafischen Schnellbewertung und Tabelle bereitgestellt. Die API-Anbindung bedeutet für Domcura weniger Medienbrüche und ein höheres Tempo in der Bearbeitung.
KI im Schadenmanagement: Prozessoptimierung im Personenschaden und automatisierte Betrugsprävention
Dass KI wertstiftend in Prozessen eingesetzt werden kann, zeigen mittlerweile zahlreiche Praxisbeispiele. Auch im Fachforum „Claims Handling“ fand das Thema seinen Platz. Dr. Klaus Weber (Leiter Personenschadenmanagement, Generali Deutschland AG) zeigte im Zusammenhang mit der Customer Journey im Personenschadenfall, an welchen Punkten KI wertstiftend eingesetzt wird.
„Ein Personenschaden muss nicht die unantastbare Festung der manuellen Bearbeitung bleiben, als die sie noch häufig bezeichnet und praktiziert wird.“ – Dr. Klaus Weber
Gerade im Personenschadenfall braucht es einen empathischen Kundenkontakt in bestimmten Teilen der Customer Journey. Dennoch stellt Dr. Klaus Weber klar, dass KI an vielen Stellen die Bearbeitung und somit auch die Patienten unterstützen kann. Effizienz hilft demnach beiden Seiten in dem Prozess. Im Fall der Generali wird KI bei der Extraktion von Diagnosedaten, bei der Schadenmeldung und bei der Beantwortung von Fallfragen eingesetzt.
Über die Risiken des KI-Einsatzes sprachen Anne Patzer (COO & Co-Founder, VAARHAFT GmbH) und Sonja Michaelis (Stab Strategische Steuerung, DOMCURA AG). KI-generierte oder bearbeitete Bilder in Schadenmeldungen sind nicht mehr die Ausnahme. Der gemeinsame Impuls zeigte, wie die Erkennung solcher KI-generierten oder bearbeiteten Bilder erfolgt und wie der Prozess mit in die Schadenabwicklung integriert werden kann. Das Ganze wurde am Pilotprojekt der Domcura und VAARHAFT dargestellt und erklärt. VAARHAFT bietet eine KI-Software-Lösung, um bildbasierten Betrug zu minimieren.2 Die KI-Software-Lösung wurde via API in das Domcura-System integriert und Mitarbeitende in der Nutzung geschult. In den ersten vier Wochen wurden 13 Prozent der Schadenmeldungen als dubios registriert. Eine konkrete Ermittlung der Betrugsquote stand zum Zeitpunkt des Messekongresses noch aus.
Gebrauchtteile im Kfz-Schadenmanagement
Im Panel „Gebrauchte Teile im Kfz-Schadenmanagement: Status quo und Ausblick“ diskutierten die drei Experten Christian Kleefisch (Chefsachverständiger, AXA Konzern AG), Thomas Behl (Leiter Reparaturtechnik, AZT Automotive GmbH) und Michael Pinto (Geschäftsführer, Bundesverband der Partnerwerkstätten e. V.) unter der Moderation von Franz Gündel (Leiter Schaden- & Betrugsmanagement, Versicherungsforen Leipzig) über die aktuellen Empfehlungen des 64. Deutschen Verkehrsgerichtstages, Gebrauchtteile als normalen Bestandteil der Unfallreparatur zu etablieren. Die Diskutanten begrüßen den Vorschlag und sind Gebrauchtteilen in der Kfz-Reparatur gegenüber offen. Bevor es so weit ist, gibt es jedoch noch einige Hürden zu meistern, angefangen mit klaren Kriterien und Kostenstrukturen.
Erkenntnisse der Diskussion waren:
- Gebrauchte Teile dürfen keine sicherheitsrelevanten Teile ersetzen.
- Qualitativ gute Gebrauchtteile zu finden, ist aktuell mit viel Aufwand verbunden.
- Das Vertrauen von Kundinnen und Kunden in Gebrauchtteile muss gestärkt werden.
Christian Kleefisch verdeutlichte, dass Deutschland bei der Nutzung von Gebrauchtteilen im Reparaturmarkt deutlich im Rückstand gegenüber anderen europäischen Ländern ist. Dementsprechend gibt es genügend Erfahrungsberichte, Ergebnisse und Langzeitstudien, auf die sich bezogen werden kann. In den skandinavischen Ländern sind Gebrauchtteile bereits seit vielen Jahren ein Standard. Aber auch aus Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich lassen sich Erfahrungswerte ziehen – durchweg positive.
Die komplette Diskussion wurde als Podcast aufgezeichnet. Hören Sie rein und abonnieren Sie gern unseren Kanal Versicherung 360.
Schadenmanagement 2030 – Der „Happy Path“ der Allianz
Dr. Stefanie van den Bergh (Fachbereichsleiterin Zentrale Funktionen Schaden // Geschäftsführerin, Allianz Versicherungs-AG // AZT Automotive & Allianz Rechtsschutz Service GmbH) warf in ihrem Impuls einen Blick in die Zukunft des Schadenmanagements und verdeutlichte, dass es Automatisierung, Geschwindigkeit, Einfachheit und Transparenz braucht, um auch in Zukunft im Schadenfall zu begeistern. Der „Happy Path“ der Allianz soll dabei für nachhaltigen Erfolg sorgen. Der systemische Ansatz beruht auf folgenden vier Säulen: GenAI, Process Mining, Systems Thinking und Process Redesign.
KPIs machen das Prinzip jetzt schon messbar und zeigen eine deutliche Verbesserung der Kundenzufriedenheit. Ein großes Potenzial sieht Dr. Stefanie van den Bergh zudem im Ausbau der Dunkelverarbeitung.
Auch wenn die gezeigten Beispiele technologisch geprägt sind, wird ein zentraler Gedanke deutlich: Jede Innovation im Schadenmanagement dient letztlich dem Ziel, im entscheidenden Moment ein schnelleres, transparenteres und positiveres Kundenerlebnis zu schaffen. Der von der Allianz skizzierte „Happy Path“ fasst diese Entwicklung treffend zusammen. Technologien wie KI und Automatisierung sind dabei kein Selbstzweck, sondern die entscheidenden Werkzeuge, um Komplexität zu reduzieren, Vertrauen zu stärken und den Schadenprozess für alle Beteiligten so reibungslos wie möglich zu gestalten. Der Fokus verschiebt sich damit endgültig von der reinen Abwicklung hin zu einem proaktiven und serviceorientierten Management.
Quellen:
1 Verisk, Rocket Repair, Rocket Repair: Effiziente Schadendokumentation für Sanierungsdienstleister | Verisk, zuletzt abgerufen am 5.8.2026
2 VAARHAFT, VAARHAFT| Deepfake Detektion, zuletzt abgerufen am 5.8.2026