Nachhaltigkeit in der Versicherungsbranche: Diese Themen stehen in 2026 im Fokus

Nachhaltigkeit in der Versicherungsbranche 2026: Klimarisiken, ESG-Steuerung, Kreislaufwirtschaft und soziale Verantwortung – die zentralen Impulse der Sustainable Insurance Convention in Leipzig werden im Beitrag zusammengefasst.

Typ:
Blogartikel
Rubrik:
Strategie & Innovation
Themen:
Nachhaltigkeit ESG
Nachhaltigkeit in der Versicherungsbranche: Diese Themen stehen in 2026 im Fokus

Am 9. und 10. Juni 2026 trafen sich in Leipzig zum bereits fünften Mal Vertreterinnen und Vertreter der Versicherungsbranche für die Sustainable Insurance Convention (SIC). Für einige Teilnehmende war es der erste Besuch. Für manche sogar der fünfte. Die SIC hat sich zu einer festen Größe bei den Nachhaltigkeitsexpertinnen und -experten entwickelt. Hier werden nicht nur aktuelle Themen besprochen, hier kommen Menschen zusammen, die sich kennen, schätzen und auf Augenhöhe miteinander diskutieren. 

Mit fünf Jahren ist die SIC noch eine junge Veranstaltung, die thematisch in einer traditionellen Branche ein Thema begleitet, das von hoher Dynamik geprägt ist. Der Fokus in den Versicherungshäusern hat sich in den letzten Jahren beim Thema Nachhaltigkeit verschoben. Die Dringlichkeit und Rolle für die Zukunftsfähigkeit des eigenen Geschäftsmodells sind klar, aber die Herausforderungen auch vielfältig.      

Im Beitrag thematisieren wir Klimarisiken und Verhaltenspsychologie als Treiber der Transformation, ESG-Steuerung bei Immobilienportfolios und Datenmanagement, den Wandel zum aktiven Risikopartner durch Kreislaufwirtschaft und Technologie sowie ethische Kapitalanlage, Lieferkettenverantwortung und soziale Nachhaltigkeit als Resilienzfaktor. 

5 Jahre SIC

Zwischen Klimarealität und der Psychologie des Wandels

Zum Auftakt der Sustainable Insurance Convention wies Dr. Arne Holzhausen (Allianz Research) darauf hin, dass das verfehlte 1,5-Grad-Ziel und steigende Klimaschäden das Wirtschaftswachstum dämpfen. Dem stehen rentable erneuerbare Energien und gesunkene Produktionskosten für Batterien gegenüber, die Nachhaltigkeitsinvestitionen unabhängig von politischer Haltung wirtschaftlich attraktiv machen. Für die Versicherungswirtschaft geht es unter diesen Bedingungen primär um den Erhalt der Versicherbarkeit durch Schadenvermeidung, Risikoreduktion und bezahlbaren Schutz. Um dieser Rolle in der Daseinsvorsorge gerecht zu werden, rücken u. a. risikoadäquate Prämien, Prävention und Public-Private-Partnerships in den Fokus.

Die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel, insbesondere für die Versicherungsbranche, liegen auf der Hand. Die Notwendigkeit des Handelns im Hier und Jetzt, auch mit Blick auf uns folgende Generationen, scheint im Bewusstsein der Gesellschaft noch nicht ausreichend verankert zu sein. Warum das so ist, das diskutierte Assoz.-Prof. Thomas Brudermann (Universität Graz). Er beschrieb psychologische Verhaltensmuster im Zusammenhang mit dem Klimawandel und mögliche Ansätze zur Überwindung von Verdrängung und Resignation. Als wesentliche Hemmnisse nannte er äußere Faktoren wie gezielte Desinformation und politische Polarisierung sowie innere Barrieren wie psychologische Abwehrmechanismen und die Überforderung durch Komplexität. Während negative Emotionen die Handlungsfähigkeit einschränken und zu positive Emotionen das Gefühl der Dringlichkeit hemmen, begünstigt eine Balance die Handlungsbereitschaft. Ein wirksamer Wandel erfordert neben individueller Einstellungsveränderung vor allem klare strukturelle Rahmenbedingungen. Versicherer nehmen hierbei als Risikoträger und Netzwerker eine transformative Schlüsselrolle ein: Wenn die Branche psychologische Mechanismen berücksichtigt und Rahmenbedingungen im eigenen Unternehmen schafft, können so förderliche Strukturen mitgestaltet werden.

„Wer etwas will, sucht Wege – wer nicht, sucht Ausreden.“ – Thomas Brudermann (Universität Graz)

Dass mehrere Perspektiven auf strategischer wie operativer Ebene zusammenkommen müssen, damit der Nachhaltigkeitshebel in der Versicherungsbranche wirksam wird, zeigte die Podiumsdiskussion im Rahmen der SIC.

Operative Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und technologische Steuerung 

Auch in 2026 verzichtete die SIC nicht auf eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion. Es diskutierten die Expertinnen und Experten Vanessa Trabold (Spezialistin Nachhaltigkeit, LVM Versicherung), Uwe Mahrt (CEO, Pangaea Life) und Judith Neumann (Global Head of Industry Advisory Sustainability & Climate Resilience, Guidewire Software) unter dem Titel „Top-Management im Dialog: Nachhaltigkeit als Zukunftsagenda“. Die Diskussion zeigte, wie eng operative Praxis, übergeordnete Rahmenbedingungen und technologische Innovationen für eine erfolgreiche Nachhaltigkeitstransformation ineinandergreifen müssen. Moderiert wurde die Diskussion von Eva-Maria Ringel und Maria Leisinger vom Center of Sustainable Insurance, einer Initiative der Versicherungsforen Leipzig.

„Wir haben einen riesigen Auftrag und riesiges Kapital. Lasst uns gemeinsam anpacken und in neuen Wegen denken.“ – Uwe Mahrt (Pangaea Life)

Die praktische Umsetzung dieser Transformation verdeutlichte Vanessa Trabold (LVM Versicherung) anhand der Nachhaltigkeitsstrategie 2028 ihres Hauses, die die Verantwortung für Mensch und Umwelt als ganzheitlichen Auftrag definiert. Als konkreten Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft erprobt das Unternehmen seit einem halben Jahr den „grünen Kreislauf“ in der Kfz-Sparte: In diesem Pilotprojekt wird es Werkstätten ermöglicht, gebrauchte Ersatzteile für Unfallfahrzeuge über die Plattformen net.casion und ClaimParts zu beziehen. Damit solche Initiativen breite Wirkung entfalten, bedarf es jedoch makroökonomischer Hebel. Uwe Mahrt (Pangaea Life) forderte in diesem Kontext verstärkte Investitionen in Infrastruktur und Energiewende, statt kleinteiliger politischer Debatten. Seine Prämisse: „Nachhaltigkeit muss sich für den Menschen lohnen“, weshalb Versicherer konsequent nachhaltige Alternativen anbieten müssen. Als technologisches Fundament für den Transformationsprozess beleuchtete Judith Neumann (Guidewire Software) die Rolle von Innovation und Technologie als „Enabler“ für Klimaresilienz und Nachhaltigkeit. Bei dem von Guidewire als „Intelligent Insurance“ bezeichneten Ansatz dient die Plattform als Basis, auf der alle technologischen Fäden zusammenlaufen, um Kunden im Schadenfall – der „Stunde der Wahrheit“ – optimal zu unterstützen. Durch proaktive Gefahrenwarnungen und eine automatisierte Schadenbearbeitung wandelt sich der Versicherer hierbei vom reinen Zahler zum aktiven Risikopartner. Dass dieser datengestützte Wandel international bereits etabliert ist, zeigt der Blick ins Ausland: Während Frankreich im nachhaltigen Schadenmanagement weit fortgeschritten ist, nutzen die USA Daten und Technologien bereits intensiv zur Stärkung der Klimaresilienz und zur Senkung des Schadenaufkommens.

Die Diskussion verdeutlichte, dass die erforderlichen strategischen Konzepte und technologischen Voraussetzungen für die Transformation in der Praxis bereits vorhanden sind. Jetzt geht es um die Umsetzung. Und wie die konkret aussehen kann, das zeigen die Beispiele der W&W- sowie ALH-Gruppe.

Podiumsdiskussion SIC 2026

Sanierung von Abläufen und Strukturen: Immobilienportfolios und datenbasierte ESG-Steuerung 

Als Hebel mit der größten ESG-Wirkung fokussiert sich die W&W-Gruppe bei der Transitionsplanung auf das Immobilienportfolio der Kapitalanlage. Im Rahmen des Fachforums ESG-Strategie stellten Dr. Christian Barthruff (W&W-Gruppe) und Jörg Tigges (Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH) hierzu einen systematischen Ansatz vor: Sanierungsmaßnahmen werden konsequent nach ihrem Kosten-Nutzen-Verhältnis (berechnet in Euro pro eingesparter Tonne CO₂) bewertet und priorisiert. Das resultierende, gemeinschaftlich erarbeitete Sanierungsprogramm ist für den Zeitraum von 2026 bis 2028 terminiert. Die operative Umsetzung steht jedoch vor zwei wesentlichen Hürden: der Finanzierung sowie der Aufbereitung historisch gewachsener, unstrukturierter Datenpools, bei deren Bereinigung selbst moderne KI-Verfahren an technologische Grenzen stoßen. Aktuell liegt ein vollständig ausgearbeiteter Sanierungsplan vor, für den die Finanzierung noch final unterlegt werden muss.

Ergänzend zur physischen Sanierung erfordert das regulatorische ESG-Reporting eine effiziente Neustrukturierung der Datenerhebung. Marco Gottschling (ALH-Gruppe) und Dietmar Schmidt (mexxon Gruppe) präsentierten hierfür das Konzept einer zentralen „Trust-Plattform“. Nach dem Vorbild von Kreditauskunfteien bündelt diese ESG-relevante Unternehmensdaten, um den manuellen Analyseaufwand für Versicherer im Bestand zu minimieren. Der Vorteil liegt in der Nutzung verifizierter Daten anstelle von Schätzungen, was die Genauigkeit des Reportings und der Finanzsteuerung optimiert. Ein wesentlicher Baustein ist die geplante Anbindung an den Bundesanzeiger, wodurch eine höhere Rücklaufquote erwartet wird. Die Plattform standardisiert und plausibilisiert die Datengrundlage automatisiert und verbindet so aufsichtsrechtliche Pflichten mit wertorientierter Steuerung.

Rüstungsindustrie und soziale Nachhaltigkeit: Es braucht Haltung, Transparenz und klare Positionierung 

Der Beitrag zeigt bereits sehr deutlich das Spannungsfeld, in dem sich die Nachhaltigkeitsbemühungen der Versicherungsbranche bewegen, und wird um neuere Themen wie soziale Nachhaltigkeit und den Umgang mit der Rüstungsindustrie erweitert. Insbesondere Letzteres bringt die Branche zum Grübeln, denn die einfache Lösung gibt es nicht, wie schon die Diskussion bei der User Group ESG-Implementierung in der Kapitalanlage im November 2025 zeigte (LinkedIn-Beitrag hierzu).

Auch die BarmeniaGothaer hat sich die Frage gestellt, wie in Anbetracht veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen mit Investitionen in die Rüstungsindustrie umgegangen werden soll. Denn der Krieg in der Ukraine und die geopolitische Lage haben die Diskussion um Rüstung und Sicherheit neu entfacht. 

Die zentrale Botschaft von der Nachhaltigkeitsexpertin Svetlana Thaller-Honold: Eine Schwarz-Weiß-Betrachtung greift zu kurz. Stattdessen braucht es transparente und nachvollziehbare Kriterien, um Unternehmen und Technologien sachlich bewerten zu können. 

Die entsprechende Expertise darüber, welche Kriterien relevant sind und eine seriöse Bewertung zulassen, liefert Frederike Potts von Facing Finance e. V. Gemeinsam wurde ein objektiver und transparenter Bewertungsansatz erarbeitet. Dieser basiert auf datengestützten Analysen und klaren Kriterien, um Unternehmen des Rüstungssektors sachlich zu evaluieren, wobei die hohe Marktdynamik und eine teils eingeschränkte Datenverfügbarkeit eine kontinuierliche Herausforderung für das Risikomanagement darstellen.

Um die soziale Dimension der Nachhaltigkeit ging es in Doreen Schapers (NÜRNBERGER Versicherung) Impuls. Sie verdeutlichte, dass soziale Nachhaltigkeit einen wesentlichen Faktor für die Resilienz und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen darstellt. Durch gezielte Maßnahmen in den Bereichen Inklusion, betriebliches Gesundheitsmanagement und flexible Arbeitszeitmodelle stärkt das Unternehmen seine Innovationskraft sowie seine Positionierung im Arbeitsmarkt. Doreen Schaper fasste diesen Ansatz in einem zentralen Leitsatz zusammen: „Menschen stärken heißt Unternehmen stärken.“

Wir möchten uns bei allen Teilnehmenden, Referierenden, Unterstützenden und Mitarbeitenden für die zwei sehr informativen und spannenden Tage bedanken. Wir freuen uns jetzt schon auf die nächste Sustainable Insurance Convention sowie auf die gemeinsamen Gespräche und Ideen.

Bilder: ©Arnd Hering / NOA INVISION

Themen Tags