ESG jenseits von Klima: Wie Versicherer soziale und Governance-Risiken in der Kapitalanlage meistern

Erfahren Sie, wie Versicherer Social- und Governance-Risiken (S & G) trotz schwieriger Datenlage quantifizieren und warum diese Faktoren für die Stabilität der Kapitalanlage entscheidend sind.

Typ:
Blogartikel
Rubrik:
Finanzen & Risiko
Themen:
Kapitalanlage ESG
ESG jenseits von Klima: Wie Versicherer soziale und Governance-Risiken in der Kapitalanlage meistern

Wie lassen sich Social- und Governance-Risiken belastbar in die Kapitalanlage integrieren und welche Herausforderungen bestehen dabei? Mit dieser Fragestellung hat sich die User Group ESG-Implementierung in der Kapitalanlage, die sich zweimal jährlich zum intensiven fachlichen Austausch trifft, in einem Workshop gezielt auseinandergesetzt. Anlass hierzu ist eine andauernde Unsicherheit bezüglich dieser Fragestellung bei Versicherungsunternehmen. 

Während sich Risiken aus Umweltfaktoren gut approximieren lassen, scheinen Risiken aus sozialen und Governance-Faktoren schwerer quantifizierbar zu sein und damit auch schwerer in die Praxis übertragbar. Gerade aber aus Gründen der Risikomitigation sollten auch diese Risiken im Kapitalanlageprozess sauber berücksichtigt werden. Sie treten zwar in ihrer absoluten Häufigkeit zu Teilen seltener auf, zeichnen sich aber durch eine überproportional hohe Schadensintensität und erhebliche Auswirkungen auf die Solvenzlage aus. 

Im Rahmen unserer User Group ESG-Implementierung in der Kapitalanlage wurde aus diesem Grund im Rahmen eines Workshops eruiert: 

  • wo Versicherer bei sozialen Themen und Governance die besten KPIs sehen,  
  • wie und von wem Daten erhoben werden,  
  • welche Hindernisse bei der Integration dieser Risiken aktuell bestehen  

und wo mögliche Best Practices und Lösungsansätze hierzu liegen. 

Faktor Social (S): KPIs, Datenlücken und die Hürde der Quantifizierung   

Relevante KPIs, die derzeit in den Versicherungshäusern im Einsatz sind, beziehen sich vor allem auf gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen und Messmöglichkeiten wie den Freedom House Index oder die Einhaltung der Sustainable Development Goals der UN. Für das Verständnis sozialer Risiken sind bei Versicherern auch Engagements in Sektoren wie Waffen und Tabak von zentraler Bedeutung. 

Die Integration sozialer Risiken scheitert in der Praxis vor allem an der schwierigen Quantifizierbarkeit, die im Gegensatz zu Klimarisiken weder auf physikalischen Modellen noch auf stabilen Datenreihen aufbauen kann. Hinzu kommen kulturelle und gesetzliche Unterschiede zwischen den Märkten sowie ein gewisser „Glashaus-Effekt“: Viele Versicherer scheuen klare Bewertungen, solange auch die eigenen Strukturen in Bereichen wie Diversität, Arbeitsbedingungen oder sozialer Unternehmensführung Entwicklungsbedarf aufweisen. Die Datenerhebung bleibt herausfordernd, da belastbare Informationen häufig nur über NGOs, internationale Institutionen oder spezialisierte Datenanbieter verfügbar sind, deren Abdeckung und Methodik jedoch stark variieren. So verwundert es nicht, dass im Bereich sozialer Risiken bislang kaum einheitliche Best Practices existieren und qualitative Einschätzungen dominieren. 

Governance (G) im Fokus: Messbarkeit und Hürden bei der Bewertung   

Im Vergleich dazu ist der Bereich Governance wesentlich etablierter, da er traditionell eng mit der Aufsicht über Versicherungsunternehmen verknüpft ist. Dennoch stellt auch die Governance-Integration im ESG-Kontext hohe Anforderungen an Daten, Ressourcen und Interpretation. Versicherer greifen auf eine Vielzahl von Kennzahlen zurück, darunter der Anteil von Frauen in Führungsebenen, Vergütungsstrukturen, Kontrollmechanismen zwischen Aufsichts- und Vorstandsfunktionen, der Umgang mit Korruption oder Geldwäsche sowie externe Governance Ratings. Auch politische Indizes wie der Freedom House Index werden genutzt, um das Risiko-Exposure in unsicheren Märkten besser einzuschätzen. Diese Vielfalt unterstreicht zugleich die Herausforderung: Governance-Faktoren sind messbarer als soziale Faktoren, aber ihre Aussagekraft hängt stark von der Qualität und Vergleichbarkeit der zugrunde liegenden Informationen ab. 

Die Datenerhebung stützt sich auch hier auf externe Anbieter, NGOs, Managerabfragen und öffentliche Berichte, weist dabei jedoch Lücken und heterogene Standards auf. Aus dieser Gemengelage ergeben sich zahlreiche Hindernisse, darunter begrenzte Ressourcen, ein großer Interpretationsspielraum, globale Unterschiede im Verständnis guter Unternehmensführung und die insgesamt geringe Sichtbarkeit vieler Governance-Indikatoren. Als praktikable Ansätze haben sich bislang vor allem klare Ausschlusskriterien, die Analyse von Gegenmaßnahmen bei Governance-Verstößen sowie eine verstärkte Engagement-Strategie etabliert. Einige Unternehmen prüfen zudem immer häufiger Einzelfälle selbst, wenn externe Daten unzureichend sind. 

S und G im Vergleich: Strukturelle Parallelen zwischen Social und Governance 

Insgesamt zeigt sich, dass soziale und Governance-Faktoren trotz ihrer wachsenden Bedeutung weiterhin zu den weniger ausgereiften Elementen der ESG-Integration gehören. Eine zentrale Erkenntnis aus den Arbeitsgruppen ist jedoch auch, dass Social und Governance trotz unterschiedlicher Inhalte strukturell vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Beide Dimensionen sind schwer quantifizierbar, weil sie von kulturellen, rechtlichen und normativen Kontexten abhängen. Beide weisen eine geringe Datenabdeckung auf, die häufig erst durch qualitative Recherchen oder externe Indizes kompensiert werden kann. Und beide erfordern eine aktive Interpretationsleistung der Investoren, da standardisierte Bewertungslogiken fehlen. 

Diese Parallelen führen dazu, dass sowohl Social als auch Governance in der Kapitalanlage bislang weniger systematisch gesteuert werden als das Umweltsegment. Gleichzeitig eröffnet gerade diese Komplexität einen wesentlichen strategischen Mehrwert: Investoren, die S und G methodisch weiterentwickeln, verschaffen sich im Markt einen Wissens- und Qualitätsvorsprung. Denn viele der in Social und Governance verankerten Risiken – Arbeitsrechtsverstöße, Diskriminierung, Korruption, Interessenkonflikte, Missmanagement – wirken nicht graduell, sondern eruptiv. Sie können über Nacht erhebliche Verluste verursachen. Damit wird die Integration von S und G zu einem zentralen Element vorausschauender Risikosteuerung. 

Fazit: Vom Klimafokus zur ganzheitlichen Resilienz 

Die Diskussionen im Workshop zeigten deutlich, dass die Kapitalanlage bei Social und Governance vor einem Reifeprozess steht. Die gegenwärtige Unsicherheit eröffnet Spielräume: für neue Bewertungsmodelle, verbesserte Datenqualität und differenzierte Engagement-Strategien. Gleichzeitig sind S und G Felder, in denen Investoren über aktiven Dialog eine besondere Hebelwirkung entfalten können – etwa durch Forderungen nach mehr Transparenz, nach verbindlichen Diversity-Zielen oder nach einer Kopplung variabler Vergütung an nachhaltigkeitsbezogene Ziele. 

Damit entsteht ein neues Verständnis von ESG: weg von der reinen Klimafokussierung hin zu einer umfassenden Perspektive, in der soziale Stabilität und gute Unternehmensführung tragende Säulen finanzieller Resilienz sind. 



Sie wollen Teil der User Group ESG-Implementierung in der Kapitalanlage sein? Dann lernen Sie den Arbeitskreis kennen und überzeugen Sie sich selbst vom Mehrwert des Austauschs mit Kolleginnen und Kollegen aus der Branche.

Zur User Group

Themen Tags