Klimaschutz beginnt im Kopf – doch genau dort lauern auch die größten Widerstände
Warum handeln wir beim Klimaschutz nicht trotz Wissen? Prof. Thomas Brudermann über Klimapsychologie, Ausreden & die Hebelwirkung der Versicherungsbranche.
Obwohl die Datenlage zum Klimawandel und zum Verlust der Biodiversität eindeutiger ist denn je, klafft zwischen Wissen und tatsächlichem Handeln oft eine gewaltige Lücke. Warum flüchten wir uns in Ausreden und wie können wir die psychologischen Barrieren der Verdrängung durchbrechen?
Einer, der die Antwort darauf kennt, ist Assoz.-Prof. Thomas Brudermann von der Universität Graz. Als Experte für psychologische Entscheidungsfindung und Umweltpsychologie untersucht er, warum uns der Wandel so schwerfällt und wie wir Resignation in konstruktives Handeln verwandeln.
Im Vorfeld der Sustainable Insurance Convention am 9./10 Juni 2026 in Leipzig, wo er als Keynote-Speaker zum Thema „Kopfsache Klima - Wie wir Verdrängung und Resignation konstruktiv begegnen“ auf der Bühne stehen wird, haben wir mit ihm gesprochen. Im Interview gibt er Einblicke in die menschliche Psyche, entlarvt die „Ja, aber...“-Police unseres Alltags und erklärt, warum gerade Versicherer eine entscheidende Hebelwirkung im Transformationsprozess haben.
Als Psychologe blicken Sie hinter die Kulissen menschlichen Verhaltens. Was motiviert Sie persönlich, Ihre Expertise auf Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Nachhaltigkeit in Unternehmen anzuwenden?
Prof. Thomas Brudermann: Wer sich intensiv mit Klimawandel, Artensterben und anderen Nachhaltigkeitsthemen beschäftigt, weiß, wie dramatisch es wird, wenn wir hier nicht die Kurve noch irgendwie kriegen. Für mich persönlich ist die Dramatik der Folgen des Scheiterns ein sehr starker Motivator. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass nachhaltige Handlungen oft ein Mehr an Lebensqualität bedeuten.
Am Ende ist es aber eine kollektive Aufgabe, zu der alle ihren Beitrag leisten müssen. Einzelpersonen, Politik, und eben auch Unternehmen. Versicherungen sind für die Nachhaltigkeit aus meiner Sicht ganz wichtige Player. Einerseits aus Eigeninteresse – Stichwort Extremwetterschäden – aber auch, weil sie durch ihre Geschäftsmodelle und Kundennetzwerke eine Hebelwirkung haben, die über die von anderen Unternehmen hinausgeht.
Sie beschreiben die ‚Ja, aber...‘-Police und unsere Klimaausreden als eine Art Schutzschild gegen notwendige Veränderungen. Warum fällt es uns trotz valider Datenlage so schwer, die Lücke zwischen Wissen und Handeln zu schließen? Mit welcher Strategie lässt sich diese Hürde im (Berufs-)Alltag effektiv überwinden?
Prof. Thomas Brudermann: Ich habe dieser Frage ein ganzes Buch gewidmet und bin mir nicht einmal sicher, ob sie damit überhaupt ausreichend beantwortet ist. Aber sehr verkürzt: Wir haben zwar verstanden, dass Klimawandel ein Problem darstellt, aber so richtig begriffen haben wir es wohl nicht. Die ganze Dramatik der Konsequenzen an sich ranzulassen, das ist ein unangenehmer, ja extrem schmerzhafter Prozess, an dessen Ende die eigene Welt nicht mehr dieselbe ist wie davor. Die mental angenehmere Variante ist das Wegschieben oder Relativieren: Stimmt ja alles nicht, ist ja alles nicht so schlimm, wir kriegen das alles locker technologisch gelöst. Eine Patentlösung als Gegenstrategie gibt es zwar nicht, aber ehrliche Kommunikation auf Augenhöhe ist zumindest ein Anfang.
In der Nachhaltigkeitsdebatte erleben wir oft verhärtete Fronten. Wie sieht eine ‚achtsame‘ Kommunikation aus, die Akzeptanz schafft, statt Abwehrreaktionen zu provozieren? Haben Sie einen konkreten Rat für Versicherungsexperten, die Kunden oder Kollegen für „grüne“ Themen gewinnen wollen, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben?
Prof. Thomas Brudermann: Wenn die Nachhaltigkeitsdebatte als Angriff auf den eigenen Lebensstil wahrgenommen wird, dann folgt das, was eben auf einen Angriff folgt: Abwehr, Einigeln, Gegenangriff. Sehr oft gehen Nachhaltigkeitsdiskussionen an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei und wecken die „3 V“ der Ablehnung: Vermeiden, Verzichten, Verteuern. Positive, auf Lebensrealitäten abgestimmte Sprache holt Menschen besser ab, aber es ist nicht alles nur Kommunikation. Es braucht auch schon entsprechende Rahmenbedingungen, damit die nachhaltige, klimafreundliche Option tatsächlich die attraktivere ist. Ist sie das nicht, hilft auch die beste Kommunikation nichts.
Wenn Sie einen Zukunfts-Joker hätten: Welches ‚Das geht nicht‘ beim Thema Nachhaltigkeit würden Sie streichen?
Prof. Thomas Brudermann: Was nicht geht: Weiterhin am Verbrennen fossiler Energieträger festzuhalten. Bei all den Diskussionen rund um Ernährung und Mobilität: Das Verbrennen von Öl, Kohle und Gas ist das eigentliche Problem und muss schnellstmöglich abgestellt werden. In den USA leugnet man das Problem einfach und führt wieder Kriege um Öl. Und in Deutschland tut die aktuelle Regierung so, als wären Verbrennermotoren und neue Gaskraftwerke kein Problem. Das und die begleitenden technologischen Märchenerzählungen, die mit der physikalischen Realität wenig zu tun haben, würde ich gerne streichen.
Vielen Dank für das Interivew!