Themen 2026: Strategische Handlungsfelder für die Versicherungswirtschaft
Welche Themen prägen 2026 die Versicherungswirtschaft? FiDA, Schadeninflation, KI-Skalierung und Konsolidierung im strategischen Überblick.
Welche Themen dominieren die Agenda der Versicherungswirtschaft? In der im Dezember 2025 erschienenen Folge „Was war, was wird – Trends, Themen und Tendenzen für die Versicherungsbranche“ des Podcasts „Versicherung 360“ analysieren Jens Ringel und Justus Lücke, die Geschäftsführer der Versicherungsforen Leipzig, die Themen für das Jahr 2026. Im Beitrag greifen wir noch einmal die im Podcast besprochenen Themen auf.
FiDA: Vom Pflichtprogramm zum strategischen Hebel
Während Versicherer zu Beginn des Jahres 2025 Themen wie NIS2 und DORA im Fokus hatten, rückt nun die EU-Verordnung Financial Data Access (FiDA) in den Mittelpunkt. Aktuell betrachten viele Häuser die Umsetzung noch als rein regulatorische Last und befinden sich in frühen Projektphasen. Doch Justus Lücke fasst im Podcast die Perspektive weiter: „Viele haben die Geschäftschancen von FiDA noch gar nicht richtig erschlossen.“
Technisch fordert FiDA leistungsfähige API-Schnittstellen und ein exzellentes Datenmanagement. Jens Ringel ergänzt im Gespräch die technische Perspektive, dass diese Anforderungen gerade vor dem Hintergrund der DORA-Regulatorik die Komplexität erhöhen. Doch der Aufwand lohnt sich auch vertrieblich: Insbesondere in der Ausschließlichkeitsorganisation eröffnen sich laut Justus Lücke durch den Datenaustausch Potenziale, etwa beim Umgang mit Fremdverträgen. FiDA entwickelt sich somit vom IT-Thema zum Vertriebsbeschleuniger.
Strukturelle Schadeninflation trifft auf Transformationslast
Die Kostenentwicklung im Schadenbereich bleibt ein kritischer Treiber. Die Branche sieht sich einem doppelten Druck ausgesetzt: durch steigende Schadenaufwände und hohe Transformationskosten. Jens Ringel identifiziert als Haupttreiber eine breite Inflation, die über reine Materialkosten hinausgeht: „Wir sehen das Thema Inflation weiterhin sehr klar, sei es in Personalkosten, bei Dienstleistern oder den Abrechnungskosten.“
Flankiert wird dies durch eine steigende Ereignislast, etwa durch Wetterschäden, die tendenziell zunehmen. Gleichzeitig treiben notwendige IT-Investitionen die administrativen Fixkosten. Justus Lücke mahnt daher zur zügigen Modernisierung: „Versicherer müssen sich möglichst schnell mit einer schlanken, agilen IT-Infrastruktur aufstellen, um die Wartungskosten gering zu halten.“
Die Strategie für 2026 lautet daher: aktive Kostenbeherrschung im operativen Schadenmanagement bei gleichzeitiger konsequenter IT-Erneuerung.
Von der Spielwiese zur Skalierung: GenAI und Agentic AI
Der Reifegrad von Generativer KI (GenAI) in der Assekuranz wächst, verharrt jedoch oft noch in isolierten Projekten. „Wir sehen aktuell noch, dass es sehr stark Use-Case-getrieben ist“, beschreibt Jens Ringel den Status quo. Die zentrale Aufgabe für die Zukunft besteht folglich in der Ökonomisierung und Skalierung dieser Anwendungen. Die Use Cases müssen strategisch ausgerichtet und organisatorisch fest verankert werden.
Besonders im Kontext des Fachkräftemangels bietet die Technologie Chancen, abfließendes Wissen zu kondensieren und effizient wieder einzuspeisen.
Parallel dazu kündigt sich mit „Agentic AI“ der nächste Evolutionsschritt an. Der Kerngedanke dieser Technologie liegt in der Autonomie: KI-Agenten werden durch Prozesse getriggert und nutzen eigenständig Tools, um Aufgaben abzuarbeiten. Auch die Orchestrierung mehrerer Agenten, bei der ein „Supervisor“-Agent andere Einheiten steuert, wird möglich. Da Versicherer stark prozessgetrieben arbeiten, liegt hier enormes Effizienzpotenzial. Wichtig bleiben jedoch – auch aufgrund regulatorischer Vorgaben – das „Human-in-the-Loop“-Prinzip und klare Eskalationsmechanismen.
Konsolidierung und Kooperation als Antwort auf Fixkosten
Die Branche erlebt derzeit eine neue Konsolidierungswelle. Treiber sind primär steigende Anforderungen, die unabhängig von der Unternehmensgröße hohe Fixkosten verursachen. Justus Lücke fasst die Ursachen zusammen: „Im Kern kann man es auf zwei wesentliche Punkte zurückführen, die das nicht ausschließlich, aber stark treiben: Technologie und regulatorische Themen.“
Große Einheiten profitieren hier von Skaleneffekten, was den Wettbewerbsdruck auch auf den Vertrieb und Maklerpools erhöht. Als strategische Antwort erlebt die Kooperation eine Renaissance. Da Themen wie DORA-Compliance kaum wettbewerbsdifferenzierend wirken, bündeln Versicherer zunehmend Ressourcen. Ähnlich wie in der Pionierzeit des Internets macht die Kombination aus Technologiewellen und Regulierungsdruck die Zusammenarbeit wieder essenziell.
Initiativen wie die „Lösungsmanufaktur“ der Versicherungsforen zeigen, wie Marktteilnehmer Ineffizienzen partnerschaftlich beheben, statt Ressourcen in redundanten Eigenentwicklungen zu binden.
Die vollständige Analyse hören Sie im Podcast „Versicherung 360“ mit Jens Ringel und Justus Lücke.