Vom regulatorischen Anspruch zur nachhaltigen Praxis: das Sustainable Finance Forum Leipzig (Rück- und Ausblick)

Wie wird aus regulatorischem Anspruch eine nachhaltige Praxis? Ein Rückblick auf das SFFL 2024 und ein Ausblick auf die zentralen Themen für 2025.

Typ:
Blogartikel
Rubrik:
Strategie & Innovation
Themen:
Nachhaltigkeit Finanzen
Vom regulatorischen Anspruch zur nachhaltigen Praxis: das Sustainable Finance Forum Leipzig (Rück- und Ausblick)

Das Sustainable Finance Forum Leipzig (SFFL) hat sich als eine zentrale, praxisorientierte Plattform mit bundesweiter Strahlkraft etabliert. Hier treffen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Finanzsektor, Assekuranz und Politik, um praxistaugliche Lösungen für die nachhaltige Finanzierung von Investitionsvorhaben zu entwickeln. 

Beim Forum 2024 wurde deutlich, welche konkreten Handlungsfelder sich daraus ergeben, wie der folgende Rückblick auf die Veranstaltung zeigt (Hinweis: Auszüge des Rückblickes sind im Themendossier Nr. 9/2025 im Mai erschienen. Der Text stammt von Lana Krämer).

Die nachhaltige Transformation der Finanzwirtschaft ist längst keine Vision mehr – sie ist Realität mit regulatorischem Anspruch, aber auch mit vielen offenen Fragen. Das SFFL ist eine interdisziplinäre Fachveranstaltung, bei der Vertreterinnen und Vertreter aus Finanzwirtschaft, Politik, Wissenschaft und Realwirtschaft gemeinsam über zentrale Herausforderungen und praxisnahe Lösungen im Bereich Sustainable Finance diskutieren. Besonders für die Versicherungswirtschaft ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder. Aktuelle Debatten bewegen sich zwischen regulatorischen Anforderungen, Datendruck und sozial-ökologischer Verantwortung.

Regulatorik braucht Umsetzungskompetenz

Das SFFL machte deutlich: Zwischen Anspruch und Realität der EU-Verordnungen klafft oft eine Lücke. Die Green Asset Ratio (GAR) misst den Anteil ökologisch nachhaltiger Vermögenswerte – nach EU-Taxonomie – am Gesamtportfolio eines Finanzunternehmens. Bei deutschen Banken liegt der Durchschnitt der GAR laut LBBW-Studie nur bei 1,06 %. Die Aussagekraft dieser Kennzahl wird infrage gestellt – und die Versicherungsbranche steht vor ähnlichen Herausforderungen im Umgang mit ESG-Indikatoren.

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW, brachte es provokant auf den Punkt:

„Wir sind gut im Ziele setzen, gehen aber zu langsam.“

Auch Dr. Hyun-Ju Koh vom Bundesfinanzministerium äußerte sich selbstkritisch zur Umsetzung des Green Deals:

„Am Anfang des Green Deals hatte man den Eindruck, dass ‚Speed over Quality‘ die Macher der Taxonomie getrieben habe.“

Für Versicherungen heißt das: Regulatorik muss nicht nur erfüllt, sondern nutzbar gemacht werden – als Steuerungsinstrument für Produkte, Kapitalanlagen und Risikomanagement.

Der Mittelstand als Schlüsselakteur – auch im Versicherungsgeschäft

Ein zentrales Thema des Forums war die Rolle kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) bei der Transformation. Die Satellitenveranstaltung des Centers for Sustainable Insurance (CSI) der Versicherungsforen Leipzig betonte, wie wichtig pragmatische ESG-Standards für den Mittelstand sind – und wie sehr es an praktikablen Tools fehlt. Lösungen wie der freiwillige ESG-Berichtsstandard ESRS VSME oder Plattformen wie „nawisio“ können hier entlasten.

Für Versicherungen eröffnet sich ein strategisches Feld: Sie können mit gezielter Beratung, ESG-basierten Produkten und Risikotransparenz nicht nur Kundinnen und Kunden binden, sondern selbst zum Treiber der Transformation werden – vor allem im KMU-Segment.

Daten und Transition: ESG-Risiken im Griff behalten

Einigkeit herrschte beim SFFL über die zentrale Rolle von Daten. Ohne konsistente, verfügbare und vergleichbare ESG-Daten sind weder Stresstests noch Nachhaltigkeitsstrategien valide. Die Vertreterinnen und Vertreter von BaFin und Bundesbank betonten daher die Notwendigkeit eines zentralen Wissensmanagements sowie die Weiterentwicklung von Szenarienanalysen und Transitionsplänen.

Versicherer sollten dies als Chance begreifen: Wer frühzeitig in ESG-Datenqualität, -analyse und -prozesse investiert, erhöht seine Widerstandsfähigkeit gegenüber Klima- und Transformationsrisiken.

Der Blick über das Heute hinaus: Strukturreformen und gesellschaftliche Akzeptanz

In seiner Dinner Speech forderte Prof. Dr. Reint E. Gropp (IWH) einen europäischen Ordnungsrahmen für die Transformation – mit klaren Anreizen, sektorübergreifendem Emissionshandel und Bürgerbeteiligung. Gropp betonte, dass die Europäische Union (EU) der zentrale Akteur bei der grünen Transformation sei. Nationale Alleingänge hingegen seien nicht effektiv und könnten kontraproduktiv wirken.

Er forderte unter anderem die Einführung von Bürgerfonds, um Kapital aus der Bevölkerung für nachhaltige Investitionen zu mobilisieren – eine Idee, die auch für Versicherer in der Kapitalanlage neue Impulse setzen könnte.

Versicherungen als Übersetzer und Ermöglicher

Die Debatten des SFFL 2024 zeigen: Sustainable Finance ist kein Selbstläufer. Es braucht Verständlichkeit, praxistaugliche Werkzeuge – und mutige Akteurinnen und Akteure, die die Lücke zwischen Anspruch und Realität schließen. Versicherungsunternehmen stehen dabei doppelt im Fokus: als Transformationsbegleiter ihrer Kundinnen und Kunden und als Teil eines sich wandelnden Finanzsystems. Wer hier früh Verantwortung übernimmt, positioniert sich nicht nur nachhaltig – sondern zukunftsfähig.

Fazit und Ausblick auf das SFFL 2025: Von der Analyse zur Umsetzung

Die Erkenntnisse aus dem SFFL 2024 bilden die Grundlage für die Weiterentwicklung der Diskussion der kommenden Veranstaltung am 18. September 2025 in Leipzig. Die Organisatoren – eine Gemeinschaftsinitiative des Center for Sustainable Insurance, der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)B.A.U.M. e.V. sowie der Sächsischen Aufbaubank – Förderbank – (SAB) – setzen den Weg fort, die europäische Sustainable-Finance-Agenda für die Praxis zu übersetzen.

Aufbauend auf den Diskussionen der letzten Jahre werden im nächsten Forum folgende Schwerpunkte in den Fokus gerückt:

  • Analyse von Nachhaltigkeit als Rahmenbedingung: Im Mittelpunkt stehen bürokratiearme und wirkungsvolle Ansätze für eine zukunftsfähige Finanz- und Realwirtschaft in Mitteldeutschland – von der Stärkung der Wirtschaft bis zum Wandel von Geschäftsmodellen.
  • Transformationsvorhaben im Mittelstand: Es geht um das Kreieren, die Umsetzung sowie die Finanzierung und Förderung konkreter Lösungsansätze für den Mittelstand, von erneuerbaren Energien bis zu zirkulären Wertschöpfungsketten.
  • ESG in der regionalen Kreditwirtschaft: Der Wissenstransfer an regionale Geldgeber und ihre Kunden steht im Fokus, von der Darstellung von ESG-Aspekten in der Kreditvergabe bis zu Dekarbonisierungsstrategien für das Kredit- und Anlagegeschäft.

Das Forum wird diese Themen durch Fachpanels, branchenübergreifendes Networking und vertiefende Satellitenveranstaltungen greifbar machen. Ziel ist es, weiterhin Ziele und Chancen für Unternehmen aufzuzeigen, Erfolgsfaktoren für einen zukunftsfähigen, regionalen Wohlstand zu diskutieren und das Netzwerk für alle Akteure zu stärken, die sich mit Sustainable Finance befassen.

Themen Tags